Kapitel 10

Asche über Greenvale

Asche über Greenvale – scene

Der Morgen kam nicht golden. Er kam grau.

James hatte kaum geschlafen. Er lag auf seinem Rucksack und starrte in den Himmel, der langsam heller wurde, aber keine Farbe annahm. Statt Rosa und Orange schob sich ein blasses, stumpfes Licht über die Berge, als hätte jemand eine dünne Schicht Schmutz über die Sonne gelegt. Der Geruch nach Schwefel hing noch immer in der Luft, warm und schwer, wie ein nasses Tuch über dem Gesicht.

Dann sah er es.

"Robert", sagte er leise. Dann noch einmal, etwas lauter: "Robert."

Sein großer Bruder war schon wach. Er stand am Rand des Lagerplatzes, die Hände in den Jackentaschen, und schaute hinunter ins Tal. Mary trat neben ihn, die Haare noch zerzaust vom Schlafen. James stand auf, die Beine schwer wie Steine, und stellte sich zu ihnen.

Greenvale verschwand.

Nicht auf einen Schlag, sondern langsam, wie ein Bild, das jemand mit einem nassen Lappen wegwischt. Die Aschewolken zogen in trägen Schwaden über die Dächer, erst über die Häuser am Hang, dann über die Straßen weiter unten. Einzelne Schornsteine ragten noch heraus wie graue Finger. Die Kirche mit dem spitzen Turm war noch zu erkennen, aber auch sie wurde matter, als würde sie einschlafen. Das Grün der Gärten und Felder, das James so gut kannte, war fort. Alles war dieselbe Farbe: das gleichmäßige, freudlose Grau von erkalteter Asche.

Ein Lumenwing schoss über ihre Köpfe hinweg. Die kleinen Wesen mit den leuchtenden Flügeln flogen sonst in sanften Bögen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Dieser hier flatterte wild und ungleichmäßig, die Flügel zuckten in zu kurzen Schlägen, das schwache Schimmern an seinen Rändern flackerte wie eine Kerze im Wind. Er war weg, bevor James auch nur blinzeln konnte.

Niemand sagte etwas.

Robert ließ sich langsam auf einen Stein sinken. Er hatte die ganze Nacht über immer wieder Notizen gemacht, Skizzen von Rissen und Spuren rund um das Nest des Elementarwesens. Jetzt hielt er das Notizbuch auf den Knien und sah es nicht an. Seine Stimme, als er schließlich sprach, war ruhig. Nicht kalt, nicht vorwurfsvoll. Nur ruhig, wie ein Fluss, der tief geht.

"Der Ausbruch heute Nacht", sagte er, "war nicht einfach so. Ich habe am Rand des Nests Erschütterungsspuren gefunden. Jemand hat das Gestein bewegt."

Mary drehte sich um. Ihr Blick fand James sofort, geradeaus und ohne Umweg, wie ein Kompass, der Norden findet.

James schaute weg. Hinunter nach Greenvale, das immer noch verschwand.

Neben ihm bewegte sich etwas Kleines. Sparky, die winzige Steinlerche, die sie auf dem Weg hierher aufgesammelt hatten, stakste auf ihren dünnen Beinchen näher und setzte sich direkt neben James ins Gras. Er spürte ihre Wärme gegen seinen Knöchel. Dann schaute sie ihn an, die kleinen dunklen Augen rund und klar.

Sie zwitscherte einmal.

Nur einmal. Kurz, ohne Melodie, ohne Anklage.

James schluckte. Sein Hals tat weh.

Er hatte in seinem Leben schon viel gehört: das Donnern des Berges, das Brüllen des Elementarwesens, den Schrei des Windes in der Schlucht. Aber das war das lauteste Schweigen, das er je gehört hatte. Dieses eine, kurze Zwitschern, das so viel sagte, weil danach gar nichts mehr kam.

Oben in der Höhle tobte das Elementarwesen. Sie konnten es spüren mehr als hören, ein Beben, das durch den Fels in ihre Schuhsohlen kroch. Das Wesen war wach, es war aufgewühlt, und der Weg zum Nest war versperrt durch seine eigene Wut.

James stand da, die Asche von Greenvale vor Augen und Sparkys warmen kleinen Körper an seiner Seite, und er dachte an das Wort, das er sich heute Nacht noch verboten hatte zu denken.

Er hatte nicht zugehört.