Kapitel 14
Hören, was das Feuer sagt
Hören, was das Feuer sagt
Die Lavahöhle atmete. Das war das Einzige, woran James in diesem Moment denken konnte – dass der Berg atmete, langsam und tief, und dass er selbst auch atmen musste. Einfach atmen.
Robert kniete bereits neben dem Blockierfelsen und schob die erste Felsspreize mit ruhigen, geübten Händen in den Spalt. Seine Finger zitterten nicht. James wünschte, seine eigenen würden das auch nicht tun. Mary stand einen Schritt dahinter, den Blick auf den Stein gerichtet, die Lippen leise bewegend, als würde sie im Stillen nachzählen.
„Zweite Spreize," flüsterte Robert.
Das Knarzen, das folgte, war so laut, dass James unwillkürlich zusammenzuckte. Es rollte durch den Fels wie ein Donnern, das sich keinen Ausweg sucht, sondern einfach bleibt. Staub rieselte von der Decke. Mary hielt die Luft an.
James schloss für einen Atemzug die Augen. Er dachte an das, was Mary ihm erklärt hatte: zuerst das Nest zurückgeben. Erst dann zuhören. Er dachte an Roberts Skizze, die Linien und Pfeile, die er diesmal wirklich studiert hatte, bis er jeden Schritt kannte. Dann öffnete er die Augen wieder.
Robert sah ihn an. Noch nicht. James nickte kaum merklich: Ich weiß. Ich warte.
Die Sekunden zogen sich. Irgendwo in der Tiefe des Berges knirschte es noch einmal, und dann wurde es still – eine andere Stille als vorher, weicher, fast einverstanden. Robert legte die Hand an den letzten Hebel und sah James an.
Diesmal nickte Robert.
James drückte.
Der Blockierfelsen rollte. Nicht polternd, nicht reißend – er rollte, schwer und würdevoll, zur Seite, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand höflich genug fragte. Das Nest lag frei.
Es war kleiner als James es sich vorgestellt hatte, und zerbrechlicher. Eine Mulde aus dunklem Gestein, ausgekleidet mit etwas, das wie geronnenes Licht aussah – Lavafäden, fein wie Spinnweben, die die Wärme des Berges in sich gesammelt hatten über eine Zeit, die kein Mensch messen konnte.
Dann kam das Elementarwesen.
Es kam nicht von irgendwo. Es war einfach plötzlich mehr im Raum als vorher – glutrot und gewaltig, eine Gestalt aus lebendigem Feuer, die Hitze vor sich herschob wie eine Welle. James spürte sie auf seiner Haut, auf seinen Wangen, in seinem Brustkorb.
Er blieb stehen.
Keine Geste, kein Schritt zurück, kein erhobener Arm. Er öffnete nur die flache Hand und ließ Sparky darauf ruhen. Das kleine Wesen glühte orange-rot, warm wie eine Kerze im Dunkeln, und begann zu singen – kein richtiges Lied, eher ein Summen, ein Klingen, das aus seinem Inneren kam und in die Luft stieg wie Wärme selbst.
James schaute das Wesen an. Einfach an.
Die Sekunden dehnten sich wie Honig, zäh und golden und still.
Das Feuerriese hielt inne.
James atmete. Er griff in die Tasche und zog Bruder Ossians Glyphenstein-Fragment hervor, das kleine Stück, das warm in seiner Faust gelegen hatte die ganze Zeit. Er trat einen halben Schritt vor – einen einzigen, langsamen – und drückte den Stein vorsichtig in einen Spalt nahe dem Nest. Die Glyphe pulsierte auf. Nicht grell, nicht blendend. Warm. Wie ein Herzschlag.
Und dann hörte James es.
Kein Wort. Keine Stimme. Aber ein Gefühl, das sich in ihm ausbreitete wie Wärme in kalten Fingern – tief und traurig und erleichtert zugleich, wie ein Atemzug, den jemand sehr lange zurückgehalten hat und nun endlich loslässt. Als wäre jemand seit einer Ewigkeit allein gewesen und hätte nicht geglaubt, dass das noch aufhören könnte.
James schluckte.
Er wusste, dass er nichts sagen musste. Nichts erklären, nichts beweisen. Er nickte nur – langsam, einmal, von Herz zu Herz – und hielt dem Wesen die offenen Hände hin, leer und ehrlich.
Sparky sang weiter.
Der Berg atmete.