Kapitel 5
Lava, Licht und ein warnender Mönch
Kapitel 5: Lava, Licht und ein warnender Mönch
Der Pfad wurde schmaler, je höher sie stiegen. Die Luft schmeckte nach Schwefel und heißem Stein, und die Sonne stand steil über ihnen, als hätte sie beschlossen, an diesem Tag besonders genau hinzuschauen. James wischte sich den Schweiß von der Stirn und trat fest auf, Schritt für Schritt, den Blick nach vorn gerichtet. Sparky saß auf seiner Schulter und glühte wie eine kleine Lampe, die jemand auf mittlere Helligkeit gedimmt hatte.
Dann hörten sie das Klappern der Hufe.
Hinter einem breiten Felsbrocken, der wie ein vergessener Riese am Wegesrand kauerte, erschien ein alter Mann in einer sandbraunen Kutte. Er ging sehr langsam, fast feierlich, und an einem groben Seil führte er zwei Mountain Goats hinter sich her, deren Fell mit feuchten Tüchern bedeckt war. Die Ziegen sahen ausgesprochen geduldig aus, so als wären sie es gewohnt, nach dem Tempo ihres Begleiters zu leben.
"Guten Mittag", sagte der Mann und hob die Hand. "Ich bin Bruder Ossian. Von der Celestial Order."
Er sprach jedes Wort einzeln aus, als wäre es ein kleiner Schatz, den man nicht überstürzen sollte.
Mary neigte den Kopf. "Wir kommen aus Greenvale. Wir wollen zum Gloden."
Bruder Ossian nickte langsam. "Ja", sagte er. Dann schwieg er einen Moment. "Das dachte ich mir."
James biss die Zähne zusammen. Er wollte nicht unhöflich sein, aber innerlich rollte er die Augen so weit nach oben, dass er fast die Innenseite seiner eigenen Stirn sah. Der alte Mann mit seinen langsamen Sätzen, seinen bedächtigen Pausen, seinen Ziegen in feuchten Tüchern. Sie hatten keine Zeit für ein gemütliches Gespräch am Wegesrand.
Doch Sparky verhielt sich ganz anders. Der kleine Phönix reckte seinen Kopf, die hellen Augen fest auf Ossian gerichtet, und nickte leise mit dem Schnäbelchen. Dabei glühte er ein kleines Stück heller, warm und ruhig, wie eine Kerze, die sich über einen Windschutz freut.
"Das Wesen in der Tiefe wütet seit drei Nächten", sagte Ossian und strich einer der Ziegen über das Fell. "Ich bringe diese Beiden in sicherere Höhen, weg von der Asche." Er schaute James direkt an, und seine Augen waren alt und klar wie Bergwasser. "Was auch immer euch hinauftreibt, Kinder, merkt euch eines: Lärm reizt es auf. Hast reizt es auf. Ihr müsst leise werden, bevor ihr nah genug seid. Leiser, als ihr glaubt, jemals sein zu können."
James öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder, denn Robert legte kurz die Hand auf seinen Arm.
Sparky nickte noch einmal.
Ossian führte sie schweigend weiter den Grat hinauf, bis der Weg plötzlich aufhörte und die Welt sich auftat.
James trat an den Rand und vergaß für einen Atemzug alles andere.
Unter ihnen lag eine weite Ebene, aber sie sah aus wie ein Gemälde aus einem Albtraum, der eigentlich schön war. Der Boden war dunkelgrau und rissig, und aus den Rissen leuchtete es tiefrot, orangefarben, flüssig warm, wie Glut unter einer Kruste aus Asche. Die Luft über der Ebene flimmerte so stark, dass die Felsen dahinter aussahen, als würden sie atmen. Und dann kam das Geräusch: ein tiefes, rolliges Grollen, das nicht aus dem Himmel kam, sondern von unten, aus dem Berg selbst, als würde die Erde in ihrem Inneren murren.
James' Magen zog sich zusammen. Seine Nackenhaare stellten sich auf.
Er trat einen halben Schritt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute geradeaus, den Kiefer fest. Falls jemand auf ihn achtete, sollte er aussehen wie jemand, den das alles nur mäßig interessierte.
Neben ihm glühte Sparky leise und gleichmäßig, warm wie eine Hand, die man im Dunkeln hält.
"Jetzt wisst ihr, was euch erwartet", sagte Ossian hinter ihnen. Seine Stimme war ruhig, fast zärtlich. "Und jetzt wisst ihr auch, warum Eile hier keine Tugend ist."
James sagte nichts. Er schaute in die flimmernde Tiefe und spürte, wie das Grollen unter seinen Schuhsohlen sanft in seine Knochen stieg.