Kapitel 11
Sparky geht ins Feuer
Sparky hüpfte vor, bevor irgendjemand ihn zurückhalten konnte.
Vielleicht wusste er selbst, dass er der Einzige war, der noch eine Chance hatte. Vielleicht spürte er auch einfach, was getan werden musste, so wie kleine Wesen das manchmal tun, wenn sie tapferer sind als klug. Er setzte sich auf die Kante des Felsvorsprungs, spreizte seine winzigen, glühenden Flügel, und begann zu singen.
Das Brückenlied. Dasselbe, das das Elementarwesen einmal schon hatte zuhören lassen. Die Töne stiegen auf wie wärmendes Licht – rund, weich, geduldig.
Doch das Wesen da oben in der Lavahöhle war nicht mehr dasselbe von gestern. Es toste. Es rollte. Es füllte den Eingang der Höhle mit brodelnder Asche und Lärm, der sich anfühlte wie ein Donner, dem man zu nah stand. Die Wände zitterten. Glut rieselte vom Fels.
Das Elementarwesen unterschied nicht mehr zwischen Feind und Bitte. Es schlug.
Eine Faust aus verdichteter Asche – grau und schwer wie Stein – fegte aus der Höhle und traf Sparky quer über den Felsvorsprung. Es gab keinen Aufschrei. Nur ein helles, abgebrochenes Zwitschern, das sofort verstummte. Dann fiel der kleine Phönixfunke.
James war schon in Bewegung.
Er hatte Sparky singen sehen. Er hatte die Aschefaust kommen gesehen. Und irgendetwas in ihm, etwas, das sich die letzten Stunden wie ein Stein in der Brust angefühlt hatte, löste sich in reinen Schrecken auf. Seine Hände öffneten sich, er warf sich nach vorne, und er fing Sparky auf.
Der kleine Körper war fast kühl. Das war das Schlimmste. Sparky war immer warm gewesen, immer ein Glühen in der Handfläche – und jetzt flackerte sein Licht nur noch, unregelmäßig, wie eine Kerze, die gleich ausgeht. James schloss die Hände um ihn, sachte, als könnte Wärme durch bloßes Halten übertragen werden.
„Sparky", flüsterte er. Mehr brachte er nicht heraus.
Mary und Robert waren herangerannt. Ihre Schritte knirschten auf dem Ascheboden. James hörte sie, aber er schaute nicht auf. Er schaute nur auf seine Hände, auf das schwache, orange Flimmern zwischen seinen Fingern.
Und dann brach es.
Nicht langsam. Nicht ordentlich. Es brach wie eine Schleuse bricht, auf einmal und mit allem, was dahinter gestaut war. James schluchzte so heftig, dass sein ganzer Körper ruckte. Einmal. Zweimal. Dann hörte er sich sprechen, laut und nass und ohne jede Würde.
„Ich war es", sagte er. „In der Nacht. Ich bin ans Nest gegangen. Ich wollte – ich wollte das Elementarwesen selbst besänftigen, alleine, ich dachte, wenn ich das schaffe, dann bin ich derjenige, der Greenvale rettet. Ich wollte der Held sein." Er schluckte. „Ich habe das Nest erschüttert. Ich habe alles schlimmer gemacht. Die Asche über den Häusern, das Lumenwing, der neue Ausbruch – das bin ich."
Stille.
Keine Stimmen. Kein Zorn. Kein scharfes Einatmen. James presste die Lippen zusammen und wartete darauf, dass jemand schrie, dass er verdiente, angeschrien zu werden. Doch Mary sagte gar nichts. Sie kniete sich neben ihn und schaute auf Sparkys flackerndes Licht, und ihr Gesicht war nicht wütend – es war so besorgt, dass es fast weh tat, hinzusehen.
Dann legte Robert ihm den Arm um die Schulter.
Einfach so. Ohne Worte. Sein älterer Bruder, der immer analysierte, immer kalkulierte, legte ihm einfach ruhig den Arm um die Schulter und ließ ihn dort.
James weinte noch immer, aber leiser jetzt.
In seinen Händen atmete Sparky. Schwach, ungleichmäßig – aber er atmete. Ein winziges Glühen pulsierte zwischen James' Fingern, warm und hartnäckig, so wie kleine Dinge manchmal hartnäckiger sind als große.
Über ihnen tobte das Elementarwesen noch immer. Greenvale wartete noch immer. Der Berg rauchte noch immer.
Aber hier, auf dem Felsvorsprung im frühen Morgenlicht, hielt James inne, und seine Geschwister hielten mit ihm inne, und Sparky atmete.