Kapitel 16
Das Licht, das bleibt
Das Licht, das bleibt
Der Weg nach Greenvale kam Mary an diesem Abend kürzer vor als je zuvor. Vielleicht lag es daran, dass ihre Schritte leichter waren als sonst, oder daran, dass Lira neben ihr ging und das letzte Sonnenlicht auf ihrem silbernen Fell wie Wasser über Kieselsteine glitt. Pip hüpfte voraus, verschwand im hohen Gras, tauchte wieder auf und rief mit seiner hellen Stimme, man solle sich beeilen, denn er rieche bereits Abendessen aus mindestens drei Richtungen gleichzeitig.
Dann bog Mary um die große Eiche, und da lag Greenvale vor ihr.
Die Felder leuchteten grün. Nicht das blasse, vorsichtige Grün eines zögernden Frühlings, sondern ein sattes, üppiges, fast laut gewordenes Grün, als hätten die Halme in all den Frosttagen heimlich Kraft gespart und ließen sie jetzt auf einmal los. An den Fenstern der kleinen Häuser hingen bunte Tücher: rote, gelbe, blau gestreifte und eines in genau dem Orangerot, das Mary immer an Sonnenuntergänge erinnerte. Die Nachbarn standen auf den Stufen, riefen sich Dinge zu und lachten, und irgendwo spielte jemand auf einer Handtrommel einen Rhythmus, der sich anfühlte wie klopfendes Herzblut.
Bevor Mary auch nur einen weiteren Schritt tun konnte, hörte sie die vertrauten Stimmen.
„Mary! Mary ist da!"
Ihre drei Geschwister kamen über die Wiese gerannt, Theo mit seinen langen Beinen voran, dann Lena mit dem losen Zopf, und als letzter der kleine Finn, der dabei so sehr strauchelte, dass er zweimal fast gefallen wäre, es aber trotzdem am schnellsten schaffte, ihre Arme zu erreichen. Sie fing ihn auf, zog alle drei an sich, und für eine Weile sagten sie gar nichts, sondern standen einfach so in einem Knäuel mitten auf dem Weg, während ringsum Greenvale feierte.
Später, nach dem Abendessen, nach Finns endlosen Fragen und Lenas stiller Umarmung und dem Moment, in dem Theo ihr kurz die Hand auf die Schulter gelegt hatte ohne ein einziges Wort, trat Mary allein in den Garten.
Die Abenddämmerung hatte das Licht in etwas Weiches und Goldenes verwandelt. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Gras und ganz leise nach den Rosen, die entlang des alten Holzzauns wuchsen. Mary kannte diesen Garten seit ihrer frühesten Kindheit. Sie kannte jede schiefe Bodenplatte, jeden Stein, jede Ecke.
Sie kniete sich nieder und steckte die Finger in die Erde.
Das Licht kam sofort. Es quoll goldfarben zwischen ihren Fingern hervor wie ein warmes Atemholen, breitete sich in feinen Fäden aus und berührte die Blumenköpfe ringsumher, einen nach dem anderen. Die Ringelblumen leuchteten auf, die kleinen weißen Margeriten glühten wie Sterne kurz über dem Boden, und selbst die alten Rosenblüten öffneten sich noch ein Stück weiter, als wären sie froh.
Mary zog die Hand nicht zurück.
Sie ließ das Licht einfach fließen. Es war warm, es war ruhig, und es gehörte genauso zu ihr wie ihre eigenen Hände. Sie lächelte, ohne sich bewusst dazu zu entscheiden, es geschah einfach.
Ein leises Knirschen am Gartentor ließ sie aufblicken.
Lira stand dort, hoch und still, das schlanke Horn nach vorne geneigt, und im letzten Streifen Abendlicht glitzerte es wie frisch gefallener Schnee. Das Einhorn sah Mary an, und dann neigte es langsam den Kopf. Kein großes Zeichen, kein Jubel. Nur dieses ruhige, warme Nicken, das mehr sagte als jedes Wort.
Aus der Hecke neben dem Tor erschien Pips Gesicht, die runden Augen weit aufgerissen vor Begeisterung. Er winkte mit beiden Armen so heftig, dass die Blätter um ihn herum zitterten, und grinste dabei von einem Ohr zum anderen.
Mary musste lachen.
Sie schaute auf ihre leuchtenden Hände, auf den goldenen Schimmer, der noch immer durch die Erde zog, auf Lira am Tor und auf Pip, der jetzt auch noch anfing zu hüpfen.
Die Gabe gehörte zu ihr.
Und sie gehörte zur Gabe.
Beides zusammen war genau richtig, genau vollständig, genau genug. Mary atmete tief ein, ließ die Finger noch einen langen Moment in der warmen Erde ruhen, und hörte irgendwo hinter den Feldern eine Windglocke singen.