Kapitel 14
Das Lied gegen das Schweigen
Das Morgengrauen lag wie ein zarter Schleier über der Herzstein-Lichtung. Die Bäume ringsum standen still, ihre Äste mit Reif überzogen, als hätte der Winter sie in Atem angehalten. Und mittendrin, auf dem moosigen Boden, pulsierte der Herzstein – einst ein warmes, goldenes Leuchten, jetzt durchzogen von schwarzen Rissen wie Haarrisse in altem Glas.
Mary stand am Rand der Lichtung und sah Pip an. Der kleine Eldorianer grinste so breit, dass seine Ohrenspitzen wackelten. Er hielt den Kräuterkorb fest an seine Brust gedrückt, und aus dem geflochtenen Deckel stiegen Kräuselchen von Dampf auf, die nach Zimt, Fichtennadeln und etwas Drittem rochen, für das es kein richtiges Wort gab, nur das Gefühl: Zu Hause ankommen.
„Keine Sorge", flüsterte er ihr zu, „ich bin sehr, sehr gut darin, Ärger auf mich zu ziehen."
Lira stupste Mary sanft mit der Nase an die Schulter. Ihr Horn glühte leise, ein stetiges, ruhiges Licht. „Sing, wie du geübt hast", murmelte das Einhorn. „Nicht lauter, nicht schneller. Nur du."
Dann lief Pip los.
Er rannte geradewegs auf die hohe Eisformation am nördlichen Ende der Lichtung zu, jene gezackte Wand, hinter der Malachars Kälte am tiefsten schlief. Er riss den Deckel vom Korb und schleuderte das duftende Kräutergemisch mit beiden Händen hinein, als würde er Samen auf ein Feld streuen. Die Kräuter zischten, als sie das Eis berührten, und ein Schwall warmen Duftes breitete sich aus wie eine Welle.
„He!", rief Pip, die Hände um den Mund gelegt. „Was bildet sich dieser Eissturm eigentlich ein? Hat er noch nie etwas von Frühling gehört?"
Das Eis knackte. Tief, dumpf, wie ein schlafendes Tier, das aufwacht.
Mary wartete keine Sekunde länger. Sie lief zur Mitte der Lichtung, trat dicht an den Herzstein heran und legte die Fingerspitzen an seine rauhe Oberfläche. Sie spürte die Kälte, die darin wohnte, und darunter, ganz tief, etwas anderes: ein leises, trauriges Drängen, wie ein Licht, das nicht aufgehört hatte zu glühen, obwohl es niemand mehr sah.
Sie holte Atem. Und sie sang.
Es begann leise, kaum mehr als ein gesummter Ton, warm und klar wie Quellwasser. Aber der Stein antwortete sofort. Er summte zurück, ein tiefes, brummendes Echo, und in den schwarzen Rissen begann ein goldenes Leuchten zu kriechen, zögernd zuerst, dann mutiger, so wie die ersten Sonnenstrahlen über einen Hügel klettern.
Der Eissturm kam.
Er kam als riesige Gestalt aus Nebel und gefrorenem Atem, halb Gestalt, halb Wolke, mit Augen wie das Innerste eines Gletschers: blau und alt und unendlich müde. Malachar. Seine Hand hob sich, die Finger gespreizt, und die Luft um Mary wurde scharf und schneidend.
Mary sang weiter.
Sie sang nicht gegen ihn. Sie sang für ihn.
Sie sang von Elara, der Elfenfrau, die einst gelacht hatte, und von der Angst, die stärker gewesen war als die Wärme, und von dem Augenblick, in dem sich jemand abgewendet hatte, und wie dieser Augenblick zu Eis geworden war. Sie sang, was möglich gewesen wäre. Sie sang die Wärme, die es trotzdem noch gab, irgendwo, unter allem.
Malachars Hand zitterte.
Die riesige Gestalt wurde kleiner, nicht durch Schwund, sondern durch etwas Weicheres. Die Schultern senkten sich. Der Nebel um ihn wurde durchsichtig.
„Ich erinnere mich", flüsterte er.
Es war kaum ein Laut, eher ein Hauchen, so leise wie schmelzender Schnee. Aber Mary hörte es. Und sie hörte nicht auf.
Dann kam Lira.
Das Einhorn trat neben Mary, senkte das Horn und ließ seinen Klang in Marys Lied fließen wie ein Fluss, der in einen anderen mündet. Der Ton schwoll an, golden und weit, er erfüllte die Lichtung, die Bäume, den Morgen selbst.
Der Herzstein barst.
Nicht laut. Nicht zerstörerisch. Er öffnete sich, wie eine Hand sich öffnet, die zu lange zur Faust geballt war. Goldenes Licht schoss nach oben in den grauen Morgenhimmel, so hell, dass Mary die Augen zukneifen musste, und trotzdem lächelte.
Der Morgen hielt den Atem an.
Dann, ganz leise, begann irgendwo in den Ästen eines Baumes ein Vogel zu singen.