Kapitel 1

Das Mädchen, das sein Licht versteckt

Das Mädchen, das sein Licht versteckt – scene

Kapitel 1: Das Mädchen, das sein Licht versteckt

Der Nachmittag lag warm und goldig über Greenvale, so wie ein frisch gebackenes Brot auf dem Fensterbrett liegt und die ganze Straße mit seinem Duft erfüllt. Im Garten des Starwind-Hauses wirbelten Stimmen und Lachen durch die Luft, und die Hollunderhecke an der Seite warf lange, weiche Schatten über das Gras.

Mary saß ganz am Rand, dort wo der gepflegte Rasen aufhörte und die wilde Erde begann. Sie hatte die Knie angezogen und die Schürze glatt über die Beine gezogen, als wollte sie so wenig Platz einnehmen wie möglich. Ein paar Schritte weiter tobte ihr jüngerer Bruder Finn mit dem Hund um die Wette, und ihre ältere Schwester Lena lachte so laut, dass die Amseln im Kirschbaum davonflatterten. Alle bewegten sich, alle gehörten dazu, alle wussten genau, was sie taten.

Mary beobachtete sie, wie man einen schönen Film betrachtet, bei dem man selbst nicht auf der Leinwand ist.

Fast ohne es zu merken, schob sie einen Finger in die kühle Erde neben sich. Es war einfach so ein Gefühl, dieses kleine Jucken in den Fingerspitzen, das immer dann kam, wenn Dinge wuchsen und atmeten und lebten. Die Erde roch nach Regen und nach Versprechen.

Dann geschah es.

Die drei Gänseblümchen, die dicht neben ihrer Hand standen, begannen zu leuchten. Nicht grell, nicht erschreckend, sondern so, wie eine Kerze leuchtet, wenn jemand sie gerade erst angezündet hat: warm, zitternd, goldfarben. Die kleinen weißen Blütenblätter glühten von innen heraus, als hätte die Sonne beschlossen, in jedem einzelnen von ihnen zu wohnen.

Mary riss die Hand zurück.

Ihr Herz klopfte laut und schnell. Sie steckte beide Hände tief in die Schürzentasche und drückte sie dort fest zusammen, als müsste sie zwei kleine Vögel festhalten, die sonst davonfliegen würden. Die Gänseblümchen erloschen langsam wieder, ein Blütenblatt nach dem anderen, bis sie ganz gewöhnliche Gänseblümchen waren, die nichts wussten und nichts konnten.

Niemand hatte es gesehen. Finn jagte noch immer den Hund. Lena lachte noch immer.

Mary atmete aus.

Sie wusste nicht genau, wann es angefangen hatte, dieses Leuchten. Schon letzten Frühling hatte sie bemerkt, dass Pflanzen anders wurden, wenn sie sie berührte, dass sie sich ihr zuwandten wie Sonnenblumen der Sonne. Sie hatte es für einen Zufall gehalten. Dann für einen weiteren Zufall. Dann für noch einen. Irgendwann hören Zufälle auf, Zufälle zu sein, aber das machte das Ganze nicht einfacher.

Was, wenn jemand es sah? Was, wenn Finn erschrak? Was, wenn es eines Tages nicht mehr aufhörte?

Sie presste die Lippen zusammen und schaute in den Himmel, der sich schon ganz zart ins Apricot färbte. Irgendwo über den Dächern von Greenvale zog eine einzige Wolke vorbei, dünn und weiß wie ein vergessener Gedanke.

Mary wünschte sich, die Gabe würde sich so anfühlen wie das Atmen. Einfach da. Einfach sicher. Etwas, über das man nicht nachdenken muss, weil es einfach zu einem gehört, so wie die eigene Stimme oder die eigenen Hände. Stattdessen war es so, als würde sie ständig auf Zehenspitzen durch ein Zimmer voller schlafender Menschen gehen und dabei die Luft anhalten.

Das Lachen ihrer Geschwister wehte wieder herüber. Warm und sorglos und weit weg.

Mary zog die Knie noch ein Stück enger an die Brust und schaute auf die Gänseblümchen, die jetzt ruhig und still im Abendlicht standen, als hätten sie niemals geleuchtet. Aber sie wusste es. Und tief in ihrer Brust, in einem Winkel, den sie selbst kaum je anschaute, wusste sie noch etwas anderes: dass das Licht nicht verschwinden wollte. Es wartete nur.