Kapitel 3
Der Ruf aus dem Flüsterwald
Der Ruf aus dem Flüsterwald
In der Nacht konnte Mary nicht schlafen.
Sie lag auf der Seite und lauschte dem Atem ihres Bruders Tom, der im Nebenbett ruhig und gleichmäßig schlief, als wäre nichts gewesen. Draußen war es still, so still, dass Mary meinte, die Stille selbst hätte ein Gewicht, das auf dem ganzen Dorf lastete. Kein Grillenzirpen, kein Nachtwind, der durch die Linden fuhr. Nur diese seltsame, wattweiche Leere.
Dann, irgendwo zwischen Mitternacht und Morgengrauen, hörte sie es.
Ihren Namen. Ganz leise, weit entfernt, so als würde jemand eine kleine silberne Glocke läuten und das Klingen käme durch viele Schichten Nebel zu ihr herüber. Mary. Nicht laut, nicht fordernd, eher wie eine Frage, die jemand stellt, der weiß, dass er wartet. Die Richtung war eindeutig: der Flüsterwald, der am Ostrand von Greenvale stand und dessen Bäume auch im Sommer so dicht standen, dass das Licht dort immer ein wenig grüner und weicher schien als anderswo.
Mary setzte sich auf. Sie presste die Hände auf die Bettdecke und hielt den Atem an. Nichts. Kein Klingen mehr. Nur der leise Frost, der an den Fensterläden knisterte.
Am nächsten Morgen war sie die Erste, die aufstand.
Der Boden unter ihren nackten Füßen fühlte sich kühl an, selbst durch die Holzdielen hindurch, als hätte die Kälte begonnen, tiefer zu graben. Mary schlüpfte in ihre Stiefel, zog den Wollmantel über das Nachthemd und trat hinaus. Die Luft roch nicht nach Sommer, sondern nach etwas Scharfem und Klarem, wie frisch gebrochenes Eis.
Sie ging den Feldweg entlang, und ihre Augen wanderten zum Waldrand. Dort, genau dort, wo die ersten Bäume anfingen, lag eine einzige Blume im Gras. Eine Gänseblume, offen und makellos, als hätte der Sommer sie persönlich hingelegt. Ringsum alles gefroren, die Grashalme weiße Glasnadeln wie am Tag zuvor, der Lehm hart wie Stein. Nur diese eine Blume, lebendig und frisch.
Mary kniete sich hin und beugte sich näher. An den Blütenblättern hingen kleine Lichttropfen, silbern und schwebend, so wie manchmal ihre eigene Magie aussah, wenn sie aus ihren Fingerspitzen entwich, ohne dass sie es beabsichtigt hatte. Wie versehentlich verstreutes Sternenlicht.
Sie stand schnell wieder auf und wich einen Schritt zurück.
Frau Thornwick stand noch vor dem Frühstück an ihrem Küchentisch und blätterte in dem alten Buch mit dem braunen Ledereinband, das Mary schon bei ihrem ersten Besuch aufgefallen war. Als Mary ihr von der Nacht erzählte, von den Glockentönen und der Blume, legte die alte Frau den Finger auf eine vergilbte Seite und drehte das Buch langsam herum.
Die Zeichnung war mit blasser Tinte gemalt, fast schon verblasst, aber deutlich genug. Ein Einhorn, schmal und hochgewachsen, das Horn spiralförmig und silbern. Seine Augen blickten ruhig aus dem Bild heraus, als hätten sie schon viele Jahrhunderte gesehen.
„Es erscheint in Zeiten des Ungleichgewichts", sagte Frau Thornwick leise. „Es sucht denjenigen, dessen Gabe dem Land helfen kann, das Gleichgewicht wiederherzustellen."
Mary schüttelte den Kopf. Sie schüttelte ihn einmal, dann nochmal fester, als müsste sie die Worte wegschütteln wie Wasser aus den Ohren.
„Nicht ich", sagte sie. „Ich bringe die Dinge immer durcheinander. Ihr wisst doch, wie das ist. Ich würde alles schlimmer machen."
Frau Thornwick schwieg. Sie schloss das Buch, aber sie widersprach nicht, und dieses Schweigen war schwerer als jedes Gegenargument.
Auf dem Weg nach Hause sah Mary, was sie eigentlich nicht hatte sehen wollen: Die Felder jenseits der Hecke, die gestern noch braun und bloß gefroren gewesen waren, zeigten jetzt die ersten welken Stellen. Wo der Frost saß, verdorrten die Getreidehalme, bogen sich grau und leblos zur Seite. Die Kälte wuchs. Sie wartete nicht.
Mary stand da und schaute, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Irgendwo in ihrer Brust regte sich etwas, kleiner als Mut, aber größer als bloße Angst. Eine zögernde, fast widerwillige Neugier, die sie nicht ganz abschütteln konnte, so sehr sie es auch versuchte.