Kapitel 2

Eis im Juli

Eis im Juli – scene

Eis im Juli

Der Morgen roch nach warmem Brot und Sommerstaub, wie er es immer tat. Mary stand noch halb im Schlaf, als ihr jüngerer Bruder Pip die Hintertür aufriss und so abrupt stehen blieb, dass sie beinahe in ihn hineinlief.

„Mary." Seine Stimme klang seltsam. Nicht ängstlich, eher so, wie man klingt, wenn man etwas sieht, für das man noch keinen Namen hat.

Sie schaute an ihm vorbei.

Das Gras auf der Dorfwiese, das gestern noch sattgrün und ein bisschen zerzaust in der Abendsonne gelegen hatte, war weiß. Nicht der weiche, flaumige Weiß des Reifes, den sie vom Herbst kannte. Nein, das hier war anders. Jeder einzelne Halm stand aufrecht wie eine dünne Glasnadel, durchsichtig an der Spitze und unten so dunkel wie gefrierend tiefes Wasser. Die Blüten der Wiesenmargeriten hingen in kleinen Eiskristallkäfigen. Sogar die Spinnenfäden zwischen den Zaunlatten waren zu zarten Eisbrücken erstarrt, hauchfein und still.

„Es ist Juli", sagte Pip.

„Ja", sagte Mary. Mehr fiel ihr nicht ein.

Sie gingen den Weg zum Brunnenplatz, nebeneinander, ohne zu reden. Ihre Füße knirschten leise auf dem Pfad. Hier und da lag ein Schmetterling im Gras, die Flügel geschlossen wie ein zugeklapptes Buch.

Am Brunnen hatten sich schon einige Dorfleute versammelt. Die Männer verschränkten die Arme und runzelten die Stirn. Die Frauen flüsterten. Jemand hatte einen erfrorenen Rosenstrauch mitgebracht und ihn auf den Brunnensims gelegt, als wäre er ein Beweisstück.

Mary blieb vor einem Blütenstängel stehen, der halb umgeknickt am Wegesrand lag, als hätte er mitten in einer Bewegung aufgehört zu leben. Ganz vorsichtig, kaum mehr als ein Antippen, legte sie die Fingerspitze an den Stiel.

Die Kälte fuhr ihr sofort in die Hand, aber das war es nicht, was sie zusammenzucken ließ. Es war das andere. Für einen einzigen Herzschlag, so kurz, dass sie sich später fragen würde, ob sie es sich eingebildet hatte, spürte sie etwas unter der Erde. Ein schwarzes Kribbeln, tief und fremd, wie eine Strömung, die in die falsche Richtung floss. Kein Geben, kein Wärmen. Saugen. Als würde etwas dort unten atmen und dabei die Wärme einziehen, die eigentlich dem Boden gehörte.

Mary zog die Hand zurück und steckte sie in ihre Schürzentasche.

Ihr Herz hämmerte.

„Na, Kind." Die Stimme kam von der Seite, ruhig und ein bisschen heiser. Frau Thornwick, die Dorfälteste, stand mit ihrem knorrigen Gehstock ein Stück abseits und schüttelte langsam den Kopf. Ihr Gesicht war so gefurcht wie die Rinde einer alten Eiche, aber ihre Augen waren wach und klar. „Du hast ihn auch gespürt, was?"

Mary wollte etwas sagen. Sie brachte nichts heraus.

Frau Thornwick sah nicht sie an, sondern das Gras. „Stiller Frost", murmelte sie, eher zu sich selbst als zu irgendjemandem. „Er war schon einmal hier. Vor sehr vielen Jahren. Damals hat er ein ganzes Tal begraben. Nicht mit Lärm, nicht mit Sturm. Einfach so. Von unten herauf, in einer einzigen Nacht."

Pip fasste Mary an der Hand. Seine Finger waren warm und ein bisschen klebrig von dem Honigbrot, das er vorhin gegessen hatte.

Mary ließ es geschehen. Sie schaute auf das weiße Gras, auf die stillen Eisblüten, auf die Schmetterlinge, die nicht mehr flogen. Die Sonne stand schon hoch und strahlte mit aller Kraft des Julimorgens herunter, und trotzdem schmolz kein einziger Kristall.

Sie sagte nichts. Aber sie wusste, so sicher wie sie ihren eigenen Namen kannte, dass diese Kälte kein launischer Wetterscherz war. Kein gewöhnlicher Frost. Etwas hatte sich entschieden, hier zu sein. Und irgendetwas in ihrer Brust, dasselbe Etwas, das gestern die Blumen hatte leuchten lassen, flüsterte ihr zu, dass das auch mit ihr zu tun hatte.

Sie steckte die freie Hand tiefer in die Schürzentasche und folgte Pip zurück nach Hause.