Kapitel 4

Lira und die Schwelle aus Licht

Lira und die Schwelle aus Licht – scene

Mary hatte sich versprochen, nur kurz nachzuschauen.

Sie stand an der Küchentür und redete sich ein, dass sie bloß die Luft testen wollte, ob der Frost wieder nachgelassen hatte. Aber ihre Füße trugen sie den schmalen Pfad entlang, vorbei an den vereisten Zaunpfählen und den traurigen, steifen Grashalmen, die aus dem Eis ragten wie kleine gefangene Hände. Sie trugen sie geradewegs zum Waldrand, so als hätten sie das schon tausendmal geübt und wüssten genau, wohin sie gehörten.

Die Dämmerung hatte den Himmel in blasses Rosengold getaucht, und die ersten Sterne lugten schüchtern durch die Wolken. Dort, wo die letzten Felder aufhörten und die alten Bäume begannen, blieb Mary stehen. Der Flüsterwald schwieg. Kein Wind, kein Vogelruf, kein Knacken von Ästen. Nur diese besondere Stille, die sich anfühlte wie eine angehaltene Atemluft.

Dann bewegte sich etwas im Dunkel zwischen den Stämmen.

Zuerst dachte Mary, es wäre der letzte Schimmer des Abendlichts, der sich in einem vereisten Blatt fing. Aber das Leuchten wurde größer, weicher, und es bewegte sich. Langsam, bedächtig, als hätte es alle Zeit der Welt. Aus dem Schatten trat eine Gestalt, die Mary schon kannte, ohne sie je gesehen zu haben.

Das Einhorn war weiß wie frisch gefallener Schnee, aber es schimmerte von innen heraus, so als trüge es seine eigene kleine Sonne unter dem Fell. Sein Horn war silbern und schlank, und es warf winzige Lichtfunken, wo immer der schwache Abendhimmel es berührte. Die Mähne wallte um seinen Hals und leuchtete genau so, wie Mondschein auf Schnee leuchtet: sanft, kühl und dabei irgendwie warm, auf eine Art, die Mary nicht erklären konnte. Es trat lautlos auf dem gefrorenen Boden, und doch war jede seiner Bewegungen so sicher und ruhig, dass Mary das Gefühl hatte, der Wald selbst atme ein und mache Platz.

Das Einhorn blieb vor ihr stehen. Es war größer als ein Pferd, aber es wirkte nie bedrohlich. Es senkte den Kopf, ganz langsam, und die Spitze seines silbernen Horns berührte Marys Stirn so sanft wie ein Atemzug.

Eine Wärme breitete sich aus, von der Stirn bis in die Fingerspitzen, und Mary vergaß für einen Moment, dass sie zitterte.

„Ich habe lange auf dich gewartet, Mary Starwind."

Die Stimme war wie klingendes Wasser über glatte Steine, klar und melodisch und nah, als käme sie aus Marys eigenem Innern. Sie wusste sofort, wer sprach.

„Lira", flüsterte sie, und das Wort schmeckte seltsam vertraut im Mund, als hätte sie es schon hundertmal gedacht, ohne es zu wissen.

Das Einhorn richtete sich wieder auf. Seine dunklen Augen ruhten auf Mary, ruhig und tief wie Bergseen im Herbst.

„Der Frost kommt nicht vom Himmel und nicht vom Winter", sagte Lira. „Er wächst aus einer Wunde heraus, die in der Mitte des Flüsterwaldes schläft. Dort liegt der Herzstein, uralt und erloschen. Einst hat er die Naturmagie der Celestial Mountains mit Greenvale verbunden, wie ein Herz das Blut durch einen Körper schickt. Jetzt ist er kalt. Und alles, was er einst nährte, stirbt langsam ab."

Mary schluckte. Die vereisten Felder tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Die verdorrten Halme. Die frierenden Schafe.

„Was soll ich damit zu tun haben?", fragte sie leise.

„Nur ein wahres Lichtherz kann den Herzstein wieder entzünden", sagte Lira. „Sylvan-Magie, die aus echtem Mut und echter Güte wächst. Ich habe dein Licht gerufen, Mary. Die Blume am Waldrand heute Morgen hast du gespürt, nicht wahr?"

Mary dachte an die silbernen Lichttropfen an den Blütenblättern. Genauso wie ihre eigene Magie sie manchmal erzeugte, wenn sie nicht aufpasste. Wenn sie einfach sie selbst war, ohne nachzudenken.

Ihr Herz zog sich zusammen. Sie wollte sagen: Ich kann das nicht. Ich mache alles schlimmer. Die Worte lagen schon auf der Zunge, glatt und fertig.

Aber Liras Augen sahen sie an, so geduldig und so gewiss, dass Mary die Worte nicht aussprechen konnte.

Stattdessen schaute sie auf die Wurzelschwelle vor ihren Füßen. Die alten, knorrigen Wurzeln, die wie verschränkte Finger aus dem Erdreich ragten und die Grenze zwischen Feld und Wald markierten.

Sie atmete einmal tief durch.

Und dann trat sie hinüber.