Kapitel 10
Malachars langer Arm
Die Kälte kam nicht langsam. Sie kam wie ein Atemzug, der einem im Hals stecken bleibt.
Mary hatte noch gar nicht begriffen, dass sie sich von der Lichtung entfernt hatte, da traf es sie schon: eine Welle aus Eis und Stille, so schwer wie nasses Tuch. Die Bäume um sie herum knackten, als würden sie seufzen, und der Schnee verfestigte sich zu glänzenden Platten unter ihren Stiefeln. Sie stolperte rückwärts und griff nach Lira, deren Horn in diesem Moment nur schwach leuchtete, flackernd wie eine Kerze im Zugwind.
„Pip!", rief Mary.
Keine Antwort. Nur das Knistern des Waldes.
Dann hörte sie ihn – ein dumpfes, erschrockenes Quieken, irgendwo zwischen den Fichten. Mary rannte, Lira an ihrer Seite, und fand ihn: Pip klebte an einem alten Birkenstamm, seine Fellpfoten vom Eis umschlossen wie von kleinen Fäusten. Er zog und zerrte, aber die Rinde hielt ihn fest.
„Nicht bewegen", sagte Lira leise. Ihr Horn neigte sich zu Pips Pfoten, und ein schmaler, goldener Schimmer löste das Eis – aber langsam, sehr langsam. Das Leuchten flackerte dabei zweimal. Mary sah, wie Liras Fell an den Schultern blasser wurde, fast durchsichtig, wie Papier, das man gegen das Licht hält.
„Lira, geht es dir gut?"
„Es geht", sagte das Einhorn. Aber seine Stimme klang dünner als sonst.
Pip taumelte aus dem Eis, rieb sich die Pfoten und schnaufte laut. Dann sah er Mary an, und in seinen Augen stand etwas, das sie noch nie dort gesehen hatte: echte Angst.
„Ich... ich habe etwas mitgebracht", sagte er atemlos. Er griff unter sein Fell und zog einen zusammengefalteten Zettel hervor, ein wenig zerknittert, an einer Ecke angefeuchtet. „Ich habe einen Lumenwing abgefangen. Er war auf dem Weg zu Frau Thornwick. Ich dachte, ich muss es euch zeigen."
Mary nahm den Zettel. Ihre Finger erkannten die Handschrift sofort, noch bevor sie las.
Es war die Schrift ihrer Geschwister, ein Brief, in dem mehrere Hände abwechselnd geschrieben hatten, mal größer, mal kleiner, mal schief. Greenvale friere von innen, stand dort. Die Fensterscheiben seien morgens beschlagen, nicht außen, sondern von innen. Die Ernte sei verloren. Und dann, ganz am Ende, in der runden Schrift ihrer kleinen Schwester: Wann kommst du zurück, Mary? Es ist kalt in unserem Zimmer und wir haben Angst.
Marys Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Oder vielleicht doch, aber nicht vor dieser Kälte hier.
Sie setzte sich auf einen Stein, der mit Moos bedeckt war, und starrte auf den Brief. Der Wald schwieg um sie herum. Pip setzte sich neben sie und lehnte seinen Kopf ganz vorsichtig gegen ihre Schulter.
Lira trat nah heran, ihr Atem dampfte in der Nachtluft. Sie sah Mary lange an, bevor sie sprach.
„Malachar wird nicht aufhören", sagte sie ruhig. „Nicht weil er böse ist. Sondern weil er Angst hat. Genau wie du."
Mary hob den Kopf. „Angst? Aber er ist doch... er ist so mächtig. Er friert alles ein."
„Ja", sagte Lira. „Weil er glaubt, dass er nur sicher ist, wenn alles stillsteht. Wenn nichts mehr wächst, nichts mehr leuchtet, nichts mehr wärmer werden kann als er selbst. Er hält sein Eis fest, weil er das Tauen fürchtet."
Mary schaute auf ihre Hände, die immer noch zitterten, auf denen der Brief lag, auf dem ihre kleine Schwester nach ihr gefragt hatte.
Und dann, ganz still, verstand sie es.
Sie selbst hatte heute Abend das Licht zurückgezogen. Aus Angst, es falsch zu machen. Aus Angst, etwas zu zerbrechen. Sie hatte den Herzstein erleuchtet und ihn dann im gleichen Atemzug wieder fallen lassen, weil ein einziges Knacken ihr mehr Schrecken eingejagt hatte als alle Kälte Malachars.
Malachars Angst baute Mauern aus Eis. Ihre Angst baute Mauern aus Schweigen.
Aber am Ende war es dasselbe Eis.
Pip drückte sich fester gegen sie. Liras Horn warf einen schwachen, warmen Schein auf den Schnee. Mary faltete den Brief zusammen, legte ihn in ihre Jackentasche, direkt über ihr Herz, und atmete langsam aus.
„Dann müssen wir beide aufhören", flüsterte sie.
Der Wald antwortete nicht. Aber irgendwo in der Ferne, sehr weit weg, hörte Mary das Knacken des Eises, das sich einen Fingerbreit setzte.