Kapitel 2
Der Drachen tanzt davon
Der Morgen roch nach feuchtem Gras und frischem Wind. Auf der Blumenwiese am Waldrand wiegte sich das hohe Gras in langen, silbrigen Wellen, und die ersten Wolken zogen wie graue Schafe über den Himmel. James stand mitten in all dem und hielt die Schnur mit beiden Fäusten, als wäre der Drachen ein kleines, wildes Tier, das er nie mehr loslassen wollte.
Und was für ein Drachen es war! Rot wie eine reife Kirsche, mit goldenen Flügelspitzen, die im Licht funkelten. Mama hatte ihn genäht, jeden Stich mit Geduld und einem Lächeln, und James liebte ihn mehr als fast alles auf der Welt. Der Drachen stieg höher und höher, drehte sich, neigte den Kopf, als würde er die Wolken begrüßen.
Robert saß ein Stück entfernt im Gras und beobachtete. Er hatte die Knie an die Brust gezogen und die Augen auf seinen kleinen Bruder gerichtet, bereit aufzuspringen, falls etwas schiefging.
Dann kam die Böe.
Sie kam ohne Vorwarnung, breit und grob, wie eine Riesenfaust aus Luft. Die Schnur riss James einfach aus den Händen, ein kurzes helles Zischen, und weg war sie. Der Drachen schoss nach oben, trudelte einmal, zweimal, dann trug ihn der Wind über die letzten Bäume am Waldrand hinaus, genau dorthin, wo die dunklen Sturmklippen in den Himmel ragten.
„Nein!", schrie James. Nur dieses eine Wort, aber es klang so klein.
Er stand still und starrte den Felsen hinterher, an denen der Drachen sich irgendwo verheddert haben musste. Dann liefen ihm die Tränen einfach übers Gesicht, lautlos zuerst, dann mit einem Schluchzen, das tief aus dem Bauch kam.
Robert spürte, wie sich etwas in seiner Brust fest zusammenzog, warm und eng zugleich. Er schluckte. Er sah James' Gesicht, das so vollständig in sich zusammenfiel wie ein nasses Stück Papier, und plötzlich war es egal, ob jemand aufpassen musste oder nicht. Etwas anderes war jetzt wichtiger.