Kapitel 7

Der Sturm hat keine Geduld

Der Sturm hat keine Geduld – scene

Der Sturm hatte keine Geduld.

Noch bevor Robert die zweite Felsstufe zur Hälfte erklommen hatte, kam der Wind. Er pfiff um die Klippe wie ein wütendes Tier, eisig und scharf, und riss Roberts Jacke auf wie ein aufgeknöpftes Hemd. Der Junge krallte die Finger ins Gestein und presste sich flach an den Fels. Unter seinen Sohlen war kaum noch Halt.

Über den Celestial Mountains türmten sich schwarze Wolken auf, schwer und bauchig, als hätte jemand einen riesigen Tintentopf umgestürzt. Das Licht wurde grau. Dann öffnete der Himmel seine Schleusen.

Der Regen kam nicht sacht. Er prasselte senkrecht herab, als wollte er Roberts Finger einzeln wegwaschen. Die Steine wurden glitschig wie nasse Seife. Roberts Hände zitterten. Er schnappte nach der letzten Felsstufe, die Fingerkuppen schon drauf, schon fast, und dann rutschte er ab.

Sein Magen machte einen langen Sturz, obwohl er selbst nur kurz fiel. Ein schmaler Steinvorsprung, kaum breiter als ein Brotlaib, fing ihn auf. Er lag da, atmete. Der Regen klatschte auf seinen Rücken.

„Robert!" Thornes Stimme kam von unten, rau und hoch zugleich, fast ein Schreien. Der alte Mann stand auf dem Absatz darunter, die Arme ausgestreckt, das Gesicht weiß vor Sorge.

„Ich komme schon rauf!", brüllte Robert zurück in den Sturm. „Ich brauche keine Hilfe!"

Seine Stimme klang tapferer, als er sich fühlte. Viel tapferer.

Er blinzelte durch den Regen ins Tal hinunter. Dort, weit unten, winzig wie zwei Ameisen, rannten zwei Gestalten. Mary. James. Sie hatten die Nachricht nicht bekommen, die ihm Thorne mitgegeben hatte. Aber sie kamen trotzdem.

Robert schluckte. Der Drache über ihm war noch da, still und geduldig im Gewitter.

Der Sturm hatte keine Geduld. Robert musste sich fragen, ob er welche hatte.