Kapitel 6
Noch ein Stück — ich schaff das!
Der Felsabsatz war breit genug, dass Robert beide Arme ausstrecken konnte, ohne irgendwo anzustoßen. Er stand einen Moment lang still und schnaufte tief durch. Unter ihm lag der Weg, den sie gegangen waren, schmal und steinig wie ein trockener Fluss. Über ihm aber – da hing der Drachen.
Wirklich, er hing da. Das rote Tuch blähte sich im Wind und zuckte ungeduldig an seinem Felsvorsprung, als wäre es lebendig. Nur noch zwei Felsstufen. Zwei!
„Ich bin halb oben, Thorne", flüsterte Robert, mehr zu sich selbst als zu dem Lindwurm. „Fast."
Er suchte mit den Fingern eine Kerbe im Stein, fand sie, zog sich hoch. Die erste Stufe war nicht viel höher als ein Küchenstuhl, aber der Fels fühlte sich rau und kalt an wie frisch gebackenes Brot, das noch nicht aufgegangen ist. Robert presste die Wange kurz ans Gestein, dann stemmte er ein Knie nach oben, schob den Körper nach, und dann stand er.
Er stand auf der ersten Stufe.
Die Faust schoss in die Luft, bevor er auch nur daran denken konnte.
„Siehst du, Thorne? Ich hab's!"
Unten auf dem Absatz trippelte Thorne hin und her, die kleinen Krallen tippelten nervös über den Stein. Der Lindwurm hob den Kopf und richtete die goldenen Augen nach oben, weit nach oben, zum Himmel.
Robert schaute nicht mit. Warum sollte er? Der Drachen war direkt über ihm, das rote Tuch fast zum Greifen nah. Noch eine Stufe, eine einzige, und die Sache wäre erledigt. Er allein hätte es geschafft.
Er wischte die Hände an der Hose ab und suchte schon die nächste Kerbe.
„Noch eine Stufe", murmelte er zufrieden, „dann ist es vorbei."
Der Wind zog schärfer an seiner Jacke. Thorne piepste leise. Robert hörte es nicht mehr.