Luca und Blossom Heartpetal

Luca rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, durch den Kristallwald von Landorya. Die Bäume hier waren keine gewöhnlichen Bäume. Ihre Stämme schimmerten wie Glas, und wenn der Wind durch die Äste fuhr, klang es wie hundert winzige Glöckchen auf einmal. Normalerweise liebte Luca diesen Klang. Aber heute hörte er ihn kaum. Otti, sein Otter, flitzte an seiner Seite, mal auf dem Boden, mal über einen Wurzel springend, mal an seinem Bein vorbei. Und Wolfi, der Wolf, lief still und groß auf seiner anderen Seite, sein warmes Fell streifte manchmal Lucas Arm. Zwischen den dreien brauchte es keine Worte — Luca spürte einfach, dass seine Freunde wussten, dass etwas in ihm schwer war, so wie man eine Wolke spürt, bevor es regnet. "Da vorn", rief Luca plötzlich und blieb stehen. Mitten im Kristallwald stand eine Brücke. Eine wunderschöne, alte Brücke aus leuchtendem Stein, die über einen tiefen, dunklen Spalt in der Erde führte — und auf der anderen Seite lag ein Garten. Ein Garten voller Farben, die Luca noch nie gesehen hatte. Rot und Gold und ein Blau, das glitzerte wie ein Sommerhimmel. Und mittendrin saß jemand. Es war eine Frau. Nein — eine Elfe. Sie saß auf einem umgestürzten Baum und hielt in beiden Händen eine Blume, die ganz langsam ihre Farbe wechselte. Von Rosa zu Weiß. Von Weiß zu Violett. Immer wieder. Die Elfe beobachtete das mit einem Gesicht, das Luca nicht ganz einordnen konnte. Traurig? Glücklich? Beides? "Hallo!", rief Luca hinüber. Die Elfe hob den Kopf. Sie hatte Augen, so grün wie Moos nach dem Regen. "Hallo, kleiner Wanderer", sagte sie, und ihre Stimme klang wie Blätterrauschen. "Willst du rüberkommen?" Luca schaute auf die Brücke. Ein Schild hing daran, und darauf standen Worte, die er laut vorlas: "Wer diese Brücke überquert, muss etwas mitbringen, das ihm am Herzen liegt." Er runzelte die Stirn. "Was bedeutet das?" "Komm rüber und frag mich", sagte die Elfe, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Luca zögerte einen Moment. Dann spürte er, wie Wolfis warme Schnauze ganz sanft seine Hand berührte. Nur kurz. Aber es reichte. Luca atmete tief durch und trat auf die Brücke. Die Brücke schwankte ein bisschen. Der Spalt darunter war tief und dunkel, und Luca konnte nicht sehen, was dort unten war. Er schluckte. Aber Otti sprang munter voraus, und Wolfi folgte ruhig wie ein Fels, und so kam auch Luca auf die andere Seite. Der Garten roch nach warmen Blüten und frischer Erde und irgendetwas, das er nicht benennen konnte — vielleicht Abenteuer, vielleicht Anfang. "Ich bin Blütchen", sagte die Elfe und stand auf. Sie war kleiner als Luca erwartet hatte, und ihre Hände waren voll kleiner Erdflecken. "Ich mache Blumen und Düfte. Das hier ist mein liebster Ort in ganz Landorya." "Warum hast du vorhin so komisch geschaut?", fragte Luca, denn er dachte immer an das, was er sah. "Als du die Blume angeschaut hast?" Blütchen seufzte und setzte sich wieder. Sie hielt die Blume hoch, und Luca sah, wie sie erneut die Farbe wechselte — rosa, weiß, violett. "Diese Blume", sagte Blütchen leise, "kommt aus zwei verschiedenen Gärten. Dort drüben" — sie zeigte nach links — "ist der rote Garten. Und dort" — sie zeigte nach rechts — "ist der blaue Garten. Die beiden Gärten mochten sich früher überhaupt nicht. Ihre Blumen haben sich nie berührt. Ihre Wurzeln sind nie zusammengewachsen." "Und jetzt?", fragte Luca. "Jetzt habe ich eine Blume, die aus beiden Gärten stammt. Ich habe sie jahrelang gepflegt. Und sie ist wunderschön." Blütchen schaute auf die Blume, und in ihren grünen Augen glitzerte etwas. "Aber die beiden Gärten — sie streiten sich noch immer. Sie wollen nicht, dass diese Blume existiert." Luca setzte sich neben Blütchen auf den umgestürzten Baum. Er spürte ein schweres Gefühl in seiner Brust, so als ob jemand einen Stein dort hingelegt hätte. "Das ist traurig", sagte er. "Ja", sagte Blütchen einfach. "Das ist es." Sie saßen eine Weile so da. Otti kuschelte sich zu Lucas Füßen zusammen. Wolfi legte seinen großen Kopf auf Blütchens Knie, ganz sanft, und sie streichelte ihn, als ob sie einander schon lange kannten. "Aber weißt du, was ich gelernt habe?", sagte Blütchen schließlich. "Die Blume weiß nichts von dem Streit. Sie wächst einfach. Sie wechselt ihre Farben, weil sie beides ist — rot und blau — und das ist kein Fehler. Das ist ihr Zauber." Luca schaute die Blume an. Rosa. Weiß. Violett. Sie leuchtete so, dass er fast blinzeln musste. "Und die Gärten?", fragte er. Blütchen lächelte, diesmal breiter. "Die Gärten streiten sich, weil sie Angst haben. Angst, dass sie etwas verlieren, wenn sie etwas teilen. Aber die Blume — die beweist jeden Tag, dass das nicht stimmt. Sie wird nicht kleiner, wenn sie aus zwei Quellen trinkt. Sie wird schöner." Luca dachte nach. Er dachte an schwere Dinge, an Geschichten, die traurig enden, an Gefühle, die zu groß sind und die man nicht in Worte packen kann. Und dann dachte er, dass vielleicht manche Geschichten traurig enden, weil die Gärten nicht aufgehört haben zu streiten. Weil die Blume niemanden hatte, der sie einfach wachsen ließ. "Ich bin froh, dass du sie gepflegt hast", sagte er leise zu Blütchen. "Ich auch", sagte sie. Und dann zwinkerte sie ihm zu. "Und jetzt weißt du auch, was du mitgebracht hast, um die Brücke zu überqueren." Luca blinzelte. "Was denn?" "Dein Herz", sagte Blütchen. "Du hast zugehört. Das ist es, was ich hier am meisten brauche." Luca musste lachen, obwohl er kurz vorher noch fast ein bisschen weinen wollte. So ein komisches, warmes Durcheinander war das. Als er sich auf den Rückweg machte, steckte Blütchen ihm die Blume hinters Ohr. Otti versuchte sofort, daran zu schnuppern, und rutschte dabei von Lucas Schulter. Wolfi fing ihn mit der Schnauze auf, bevor er fiel, und Otti quietschte empört. Luca lachte so laut, dass die Kristallbäume klingelten. Und in dieser Nacht, während er einschlief, leuchtete die Blume auf seinem Nachttisch rosa, weiß, violett. Schlaf gut, kleiner Wanderer. Dein Herz ist groß genug für schwere Geschichten. Und morgen wartet Landorya wieder auf dich.

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