Luca und Dew Morningveil
Der erste Schritt in Landorya war immer der aufregendste.
Luca sprang vom letzten Stein der Silberbrücke und landete direkt im weichen Moos des Leuchtenden Waldes — und staunte. Überall um ihn herum glühten Pflanzen in sanften Farben: Blüten leuchteten in zartem Blau, Baumstämme schimmerten bernsteinfarben, und kleine Käfer mit glänzenden Rücken schwebten wie lebendige Sternschnuppen durch die Dunkelheit. Es war Nacht in Landorya, aber eine ganz besondere Nacht — eine, in der alles leuchtete.
Hinter Luca raschelte es. Dann bog sich ein Ast zur Seite, sanft, als würde jemand eine Tür öffnen.
Donnerschlag.
Der große Gorilla trat aus dem Dunkel, und wo seine mächtigen Hände den Boden berührten, schienen die Moosfäden darunter ein bisschen heller zu leuchten. Er schnupperte einmal in die Luft, dann sah er Luca an — und Luca spürte sofort dieses warme Kribbeln in der Brust, das er nur kannte, wenn Donnerschlag in der Nähe war. Die beiden brauchten keine Worte. Ein Blick, ein Gefühl, Herz an Herz — so sprachen sie miteinander, schon immer.
Luca lächelte und tätschelte Donnerschlags großen Finger. "Hast du das auch gesehen?"
Er zeigte nach vorne.
Mitten im Leuchtenden Wald, zwischen zwei mächtigen Glühbirken, saß ein kleines Licht auf dem Boden. Es war rund und weich, ungefähr so groß wie eine Melone, und es leuchtete in einem warmen Orange — aber es flackerte. Und es bewegte sich nicht.
Luca runzelte die Stirn. Alle anderen Lichter im Wald schienen fröhlich zu schweben oder zu fliegen oder zu tanzen. Dieses hier saß einfach da. Allein.
Er trat näher.
Das Licht zitterte ein bisschen, als Luca sich näherte. Dann hörte Luca etwas: ein leises, hohes Piepen. Kein richtiges Wort. Aber irgendwie klang es wie: verirrt.
Donnerschlag hockte sich neben Luca. Seine breiten Schultern sperrten fast den halben Weg, und sein ruhiger Atem schob den feinen Nebel zwischen den Bäumen sanft beiseite. Luca spürte, wie der Gorilla ganz still wurde — die Art von Stille, die bedeutete: Schau genau hin.
Luca kniete sich hin und betrachtete das kleine Licht. Es hatte keine Augen, keine Hände, kein Gesicht — und trotzdem hatte Luca das Gefühl, dass es ihn ansah. Und dass es Angst hatte.
"Es hat sich verlaufen", flüsterte Luca.
Ein leises Brummen von Donnerschlag. Zustimmend.
Luca überlegte. Die Lichter im Leuchtenden Wald gehörten zu den Leuchttieren — kleinen Wesen aus reinem Glanz, die jede Nacht durch den Wald flogen und alles zum Strahlen brachten. Wenn eines von ihnen allein war, verlor es langsam sein Leuchten. Und wenn es gar nicht mehr leuchtete...
Luca wollte das nicht zu Ende denken.
"Wir bringen es nach Hause", sagte er.
Aber wohin? Der Leuchtende Wald war riesig. Luca sah sich um — Bäume, Büsche, glimmernde Pilze, leuchtende Ranken überall. Kein Wegweiser. Kein Pfad, der offensichtlich war.
Dann, aus dem Knistern eines großen Farns, trat eine Gestalt.
Sie war schlank und trug ein langes Gewand aus Blättern und schimmernden Fäden, und in ihren Händen hielt sie eine flache Schale voll mit Wasser — einem Wasser, das selbst leuchtete, in sanftem Grün. Sie hatte lange, zerzauste Haare und sah aus, als hätte sie gerade mitten in einem sehr wichtigen Experiment vergessen, dass sie eigentlich schlafen wollte.
"Oh!", sagte sie und blinzelte. "Ein Besucher! Und ein verlorenes Leuchttier! Und — ist das ein Gorilla?"
Donnerschlag richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Der Ast über ihm bog sich leise.
"Äh — ein sehr schöner Gorilla", verbesserte die Frau sich schnell. "Ich bin Tauwind." Sie lächelte schief. "Ich pflege die Pflanzen hier, die leuchten. Und manchmal... verliere ich dabei etwas den Überblick."
Luca sah sie an. "Kennst du die Leuchttiere?"
Tauwind seufzte. "Leider nur von weitem. Ich weiß, wo ihr Zuhause ist — der Lichtkreis, ganz im Herzen des Waldes. Aber der Weg dorthin..." Sie zögerte. "Der Weg dorthin leuchtet nur, wenn man ihn zu zweit geht. Alleine habe ich ihn noch nie gefunden."
Luca sah das kleine Licht an. Es piepte wieder, ganz leise.
"Dann gehen wir zusammen", sagte Luca.
Tauwind strahlte — fast so hell wie die Pflanzen um sie herum.
Sie machten sich zu dritt auf den Weg. Na ja, zu viert, wenn man das kleine Leuchttier mitzählte, das Luca vorsichtig in beide Hände nahm. Es war warm, wie eine Tasse Kakao, und zitterte nur noch ein bisschen.
Donnerschlag ging voran. Wo er trat, schienen die leuchtenden Moospolster tiefer zu glühen, als würden sie sich über so viel Gewicht und Würde freuen. Tauwind murmelte dazu die Namen aller Pflanzen, die sie passierten — manchmal stolperte sie dabei über ihre eigenen Füße, weil sie zu sehr starrte.
Dann stand Luca vor einem Problem.
Mitten im Weg lag ein umgefallener Baum, groß wie eine Mauer. Tauwind konnte nicht drüber. Luca konnte nicht drunter durch. Und das Leuchttier in Lucas Händen piepte aufgeregt — es spürte, dass sein Zuhause nah war, ganz nah.
Donnerschlag betrachtete den Baum. Dann legte er beide Hände daran.
Und schob.
Der Baum bewegte sich mit einem tiefen, langen Knarren. Käfer stoben auf. Pilze leuchteten kurz heller auf vor Schreck. Und dann — lag der Weg frei.
Luca kicherte. "Manchmal braucht man einfach jemanden mit sehr großen Händen."
Donnerschlag sah ihn an. Luca spürte etwas wie Stolz, warm und ruhig.
Kurz dahinter öffnete sich der Wald.
Und dort war er: der Lichtkreis. Eine Lichtung, in der hunderte Leuchttiere durch die Luft schwebten, orange und golden und zartlila, wie ein Himmel voller Glühwürmchen, nur viel, viel schöner. Es roch nach warmem Gras und irgendwie nach Sommer.
Das Leuchttier in Lucas Händen zitterte — aber jetzt war es kein ängstliches Zittern mehr. Es war aufgeregtes Zittern.
Luca öffnete die Hände.
Das kleine Licht stieg auf. Langsam zuerst, dann schneller, dann mit einem freudigen Piepen, das sich wie ein Lachen anfühlte. Die anderen Leuchttiere schwärmten auf es zu, umkreisten es, und plötzlich leuchtete es heller als je zuvor — ein strahlendes Orange, warm wie ein Kaminfeuer.
Tauwind hielt die Luft an. Dann lachte sie leise. "Schau mal. Es hat sein Licht wiedergefunden."
Luca nickte. Er spürte etwas Warmes in der Brust — kein Kribbeln diesmal, sondern etwas Ruhigeres. Etwas Gutes.
Donnerschlag setzte sich neben ihn, so vorsichtig, dass er trotzdem die Erde ein bisschen erzittern ließ. Dann legte er einen einzigen großen Finger sanft an Lucas Schulter.
Luca lehnte sich dagegen.
Tauwind griff in ihre Gewandtasche und zog etwas heraus — einen kleinen Stein, der schwach blaugrün leuchtete. "Für dich", sagte sie. "Als Dankeschön. Wenn du ihn drückst, leuchtet er. Für Momente, in denen du selbst ein bisschen Licht brauchst."
Luca nahm den Stein. Er passte genau in seine Handfläche.
"Und noch etwas", fügte Tauwind hinzu und hielt inne. Dann lachte sie plötzlich. "Ich glaube, dein Gorilla hat gerade drei meiner Leuchtpilze gegessen."
Luca drehte sich um.
Donnerschlag sah aus, als wäre absolut nichts passiert. Aber seine Nase leuchtete ganz schwach grün.
Luca prustete los.
Tauwind prustete auch los.
Und tief im Lichtkreis piepten die Leuchttiere fröhlich mit.
Langsam, mit dem Leuchten der Tiere über sich und dem sanften Glühen des Waldes um sich herum, machten Luca und Donnerschlag sich auf den Heimweg.
Der Stein in Lucas Hand war noch warm.
Und Donnerschlags Nase leuchtete die ganze Zeit über weiter grün.
Schlaf gut, kleiner Entdecker.
Du hast heute Licht nach Hause gebracht.
Und das ist das Schönste, was man in einer Nacht tun kann.
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