Luca und Flitter Butterwing

Luca rannte, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, durch den Silberbirkenwald am Rand von Landorya. Otti saß auf seiner Schulter und hielt sich mit beiden Pfoten an Lucas Diamantrüstung fest, während Wolfi neben ihm hertrabte, ruhig und groß, sein silbergraues Fell schimmernd wie der Mond. Die drei hatten das Kribbeln im Bauch schon den ganzen Morgen gespürt — jenes besondere Gefühl, das immer kam, wenn Landorya rief. Und heute hatte Landorya sehr laut gerufen. Zwischen den Bäumen hing nämlich etwas Seltsames in der Luft: ein leises, trauriges Summen, so als würde der Wald selbst leise weinen. Die Blätter der Silberbirkenzitterten, obwohl kein Wind wehte. Die kleinen Feuerfunken-Käfer, die sonst munter durch das Unterholz flitzten, saßen reglos auf den Ästen und schauten alle in dieselbe Richtung. "Was ist das?", flüsterte Luca. Otti legte seine weiche Otterpfote kurz an Lucas Wange — ein kleines, warmes Gefühl, das sagte: Wir gehen einfach weiter, zusammen. Wolfi schnupperte kurz in die Luft, dann trottete er voraus, den Pfad hinunter, der zwischen zwei großen Felsen hindurchführte. Luca folgte ihm. Hinter den Felsen öffnete sich eine Lichtung — und dort sahen sie es. Mitten auf der Lichtung stand eine riesige, alte Brücke aus gelbem Sandstein, die über einen munter plätschernden Bach führte. Die Brücke selbst war wunderschön: Jeder Stein war mit kleinen Blumenmuster-Schnitzereien verziert, oben rankten sich blühende Ranken. Aber die Brücke war gebrochen. Genau in der Mitte klaffte ein großes Loch, und die beiden Hälften der Brücke ragten verloren in die Luft, jede auf ihrer eigenen Seite des Baches. Und auf jeder Seite stand jemand. Auf der linken Seite, am diesseitigen Ufer, saß ein Mädchen mit langen kupferroten Zöpfen und einem bestickten grünen Kleid. Sie saß auf einem Stein und schaute traurig auf das Wasser. Auf der rechten Seite, am anderen Ufer, stand ein Junge mit lockigem dunkelblauem Haar und einem goldenen Umhang. Er verschränkte die Arme, schaute auf das Wasser und sagte — gar nichts. Beide schwiegen. Beide schauten auf das Loch in der Brücke. Luca blieb stehen. "Hey!", rief er. "Ich bin Luca! Was ist passiert?" Das Mädchen hob den Blick. "Ich heiße Ronja", sagte sie. "Und er" — sie deutete auf den Jungen auf der anderen Seite — "ist Julio. Wir streiten uns." "Worüber?", fragte Luca. Ronja seufzte tief. "Über die Brücke. Sie war kaputt. Ich wollte sie mit Blumen-Ranken reparieren. Julio wollte sie mit Steinquadern reparieren. Wir haben so laut darüber gestritten, dass — na ja — wir haben beide gleichzeitig an ihr gezerrt und jetzt ist sie noch kaputter als vorher." Julio auf der anderen Seite rief hinüber: "Meine Idee war besser!" "War sie nicht!", rief Ronja zurück. "War sie wohl!" Luca schaute von einer Seite zur anderen. Otti auf seiner Schulter machte ein kleines, nachdenkliches Brummgeräusch. Wolfi setzte sich ruhig neben Luca und schaute ihn an — und in diesem Blick lag etwas, das Luca sofort spürte: Da sind zwei, die sich eigentlich mögen. Sonst würden sie gar nicht so traurig schauen. "Moment mal!", rief Luca. Er stapfte ans Ufer und kniete sich vor das Loch in der Brücke. Das Loch war groß — vielleicht so groß wie Luca selbst. Er schaute hinein, schaute auf die Steinquader, die Julio auf seiner Seite aufgestapelt hatte, und auf die Ranken-Bündel, die Ronja auf ihrer Seite bereitgelegt hatte. Dann hatte er eine Idee. "Was, wenn ihr beide recht habt?", rief er laut. Stille. "Was meinst du?", fragte Ronja zögernd. "Na ja", sagte Luca, und er begann, die Steinquader, die Julio ihm von der anderen Seite zuwarf, in die Lücke zu legen. Ein Stein. Noch einer. Er wackelte ein bisschen — da! "Die Steine geben der Brücke ihre Festigkeit. Aber Stein allein ist kalt und rutschig." Luca schaute zu Ronja. "Wenn du jetzt deine Ranken zwischen die Steine flechtest, dann halten sie alles zusammen — und es sieht auch noch wunderschön aus." Ronja blinzelte. Dann lächelte sie zum ersten Mal. Sie kniete sich auf ihrer Seite hin und begann, die grünen, blühenden Ranken zwischen die Steine zu flechten. Julio warf noch mehr Steine. Luca legte sie, Ronja flocht. Wolfi trat leise an den Bach, und sein warmer Atem legte sich über das Wasser — und seltsamerweise wurde der Bach dort, wo er blies, ganz still und spiegelglatt, so dass Luca sicher stehen konnte, ohne zu rutschen. Stein für Stein, Ranke für Ranke. Und dann — mit einem leisen, festen Klick — schloss sich die Lücke. Luca richtete sich auf und trat vorsichtig auf die fertige Stelle. Sie hielt. Sie hielt wirklich! Ronja lief von ihrer Seite herüber. Julio lief von seiner Seite herüber. Sie trafen sich genau in der Mitte — genau dort, wo gerade noch das große Loch gewesen war. Und beide lachten. "Du hast unsere Brücke gerettet!", rief Julio. "Nein", sagte Luca und schüttelte den Kopf. Er zeigte erst auf Julio, dann auf Ronja. "Ihr habt eure Brücke gerettet. Ich hab nur daran erinnert, dass man manchmal beides braucht." Ronja sah Julio an. Julio sah Ronja an. Dann schauten beide gleichzeitig auf ihre Füße, und beide wurden ein bisschen rot im Gesicht. "Tut mir leid", sagte Julio leise. "Mir auch", sagte Ronja noch leiser. Otti plantschte glücklich mit dem Schwanz ins Wasser. Wolfi wedelte einmal kurz mit dem buschigen Schwanz — was bei einem Wolf bedeutete: Gut gemacht. Als Luca sich auf den Heimweg machte, trug der Abendwind den Duft der Brückenblumen hinter ihm her. Er schaute noch einmal zurück. Ronja und Julio standen nebeneinander auf der Brücke und schauten gemeinsam auf den Bach. Otti kuschelte sich an Lucas Hals, und Luca spürte eine kleine, runde Wärme direkt über dem Herzen — die Art von Wärme, die man nur kennt, wenn man etwas Richtiges getan hat. Dann stolperte Wolfi über einen Ast, machte einen komischen Satz in die Luft, und landete mit allen vier Pfoten gleichzeitig im Bach. PLATSCH. Wolfi saß im Wasser, völlig überrascht, das Fell tropfnass und die Ohren angelegt — und schaute Luca so würdevoll an, als wäre das vollkommen so geplant gewesen. Luca prustete los. Otti prustete los. Sogar von der Brücke hörte man Ronja und Julio kichern. Schlaf gut, Luca. Du weißt, dass manche Dinge erst funktionieren, wenn zwei Ideen zusammenfinden. Und morgen wartet Landorya schon wieder auf dich. Gute Nacht.

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