Luca und Jasper "Jaz" Tidalwave

Luca rannte den Schiefer-Pfad entlang, so schnell seine Füße ihn trugen. Otti und Wolfi liefen dicht neben ihm — der kleine Otter mit seinen weichen Pfoten, der große Wolf mit seinem ruhigen Atem, der wie warmer Wind über Lucas Schultern strich. Die beiden verstanden Luca immer, auch ohne ein einziges Wort zu sagen — einfach so, Herz an Herz, wie ein Gefühl, das man im Bauch spürt. Und heute fühlte sich dieser Bauch schwer an. Wie ein Stein, der dort saß und nicht weggehen wollte. Wolfi stupste Lucas Hand ganz leicht mit seiner Schnauze. Ein warmes Kribbeln. Als würde er sagen: "Ich weiß." Luca atmete tief durch. Er wusste selbst kaum, warum er so schnell lief. Nur dass er das Gefühl loswerden wollte. Dieses Gefühl, das sich eingeschlichen hatte und sich anfühlte, als würde immer alles an ihm falsch sein. Vor ihm tauchte das Großmarkt-Gewirr von Kesseldorf auf — ein Ort, an dem die Händler der ganzen Welt ihre Waren aufbauten, wo es nach geröstetem Korn und heißem Metall roch und wo die bunten Wimpel über den Gassen im Wind flatterten wie kleine tanzende Hände. Und mittendrin: ein riesiger, zotteliger Kerl mit einem kupferfarbenen Hut, der schief auf seinem Kopf saß. "Kupferhut!", rief eine Händlerin. "Deine Waage zeigt falsch! Das ist schon das dritte Mal heute!" Der große Mann mit dem Kupferhut — dessen richtiger Name Jaz Tidalwave war, aber alle hier nannten ihn Kupferhut — zuckte zusammen. Er war mindestens zwei Köpfe größer als alle anderen, hatte breite Schultern und Hände, die aussahen, als könnten sie eine Tonne anheben. Aber gerade sah er aus wie jemand, dem die Luft aus dem Bauch gepresst worden war. "Das war kein Absicht", murmelte er. "Ich habe nur —" "Und gestern das Jonglieren! Du hast drei Äpfel in den Brunnen geworfen!" "Das war ein Unfall —" "Und vorhin das Seil! Beinahe hätte jemand einen Korb auf den Kopf gekriegt!" Kupferhut schwieg. Er zog den Hut tiefer ins Gesicht. Luca blieb stehen. Er kannte dieses Schweigen. Dieses Schweigen, das sich anfühlte, als würde man kleiner und kleiner werden, je mehr jemand auf einen einredete. Otti schmiegte sich an Lucas Bein. Ein weiches, warmes Gefühl breitete sich aus — ein bisschen wie wenn man eine Decke um sich wickelt. Luca schluckte. Dann ging er auf Kupferhut zu. "Hey", sagte er. Kupferhut hob den Blick. Unter dem Hut kamen zwei große, etwas müde Augen hervor. "Kleiner Kerl. Willst du auch sagen, dass ich alles falsch mache?" "Nein", sagte Luca. "Ich wollte nur fragen, ob es dir gut geht." Kupferhut blinzelte. Dann schnaubte er leise — nicht böse, eher überrascht. "Mir?" Er ließ sich auf eine Holzkiste sinken, die unter seinem Gewicht knarrte. "Nicht wirklich." Er schwieg eine Weile. Die Händlerinnen und Händler um ihn herum hatten sich verzogen, jetzt, da der Lärm vorbei war. Nur Luca blieb. Und Otti. Und Wolfi, der sich lautlos neben die Kiste gesetzt hatte und dessen Fell warm in der Nachmittagssonne glänzte. "Weißt du", sagte Kupferhut schließlich, "ich bin schon seit vielen Jahren hier auf dem Markt. Ich jongliere, ich zaubere, ich bringe die Leute zum Lachen. Das ist meine Arbeit, das ist, wer ich bin." Er drehte den Kupferhut in seinen Händen. "Aber manchmal... manchmal geht eben etwas schief. Eine Waage kippt. Ein Apfel fällt. Und dann fühlt es sich an, als ob alle nur noch das sehen. Nur noch das." Luca nickte langsam. Er verstand das sehr gut. "Und dann?", fragte er. "Dann werde ich kleiner", sagte Kupferhut leise. "Hier drin." Er legte eine riesige Hand auf seine Brust. "Als ob alles, was ich je richtig gemacht habe, auf einmal weg wäre." Luca schaute ihn an. Er schaute auf die großen Hände, die schon so vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatten. Er schaute auf den schiefen Kupferhut, der etwas Fröhliches hatte, auch wenn er gerade traurig wirkte. Wolfi legte seinen Kopf auf Kupferhuts Knie. Der große Mann erstarrte kurz. Dann, ganz langsam, legte er seine Hand auf Wolfis Kopf. Seine Schultern sackten ein bisschen nach unten — aber diesmal nicht aus Traurigkeit. Eher so, als ob er endlich etwas absetzen durfte, was er lange getragen hatte. "Ich glaube", sagte Luca vorsichtig, "wenn jemand immer Ärger bekommt... dann sieht er irgendwann gar nicht mehr, was er gut kann. Nur noch das, was schiefgelaufen ist." Kupferhut sah ihn lange an. Dann nickte er, sehr langsam. "Du bist ein kluger kleiner Kerl." "Ich bin nicht so klein", sagte Luca. Kupferhut lachte — ein tiefes, grollendes Lachen, das ein bisschen klang wie Donner über einem See. "Stimmt. Du bist gar nicht klein." Er stand auf. Richtete den Kupferhut auf seinem Kopf. Und dann — als ob er sich erinnert hätte, wer er war — nahm er drei Orangen aus einer nahegelegenen Kiste, warf sie in die Luft, und jonglierte sie mit einer Leichtigkeit, die aussah, als würden sie einfach fliegen wollen. Die Händlerinnen und Händler drehten sich um. Jemand klatschte. Jemand lachte. Kupferhut verbeugte sich tief, der Hut fiel ihm vom Kopf — und Otti fing ihn mit beiden Pfoten auf. Das ganze Marktgewirr brach in Gelächter aus. Luca lachte auch. Und zum ersten Mal seit dem Morgen fühlte sich sein Bauch nicht mehr so schwer an. Auf dem Heimweg, als die Sonne groß und orange hinter den Dächern von Kesseldorf versank, trottete Wolfi warm an seiner Seite. Otti saß auf Lucas Schulter und hatte den Kupferhut auf dem eigenen kleinen Kopf aufgesetzt — viel zu groß, natürlich, sodass er ihm bis über die Nase rutschte. Luca musste schon wieder lachen. Er dachte an Kupferhut. Daran, wie der große Mann kleiner geworden war, wenn alle nur die Fehler sahen. Und wie er wieder er selbst wurde, sobald jemand einfach dablieb und fragte: Geht es dir gut? Luca schaute auf seine Hände. Er war heute dabeigeblieben. Das fühlte sich gut an. Schlaf gut, kleiner Held. Du bist genau richtig, so wie du bist. Und manchmal ist das Mutigste, was man tun kann, einfach zu bleiben — und zu fragen.

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