Oma und Sigrid Rune-Weaver

Der Wind kam zuerst. Er fegte über den Kamm des Eisgrats, wirbelte Schneeflocken wie kleine Sterne durch die Luft und blies Oma mitten in ein großes, weißes Abenteuer hinein. Sie war schon seit einer Weile unterwegs — die Bergstiefel tief im frischen Schnee, den Rucksack fest auf dem Rücken, Luca dicht an ihrer Seite und Yuna ein Stück voraus, die Nase in den Wind gereckt. Die beiden spürten einander, ohne ein Wort zu brauchen. Es war wie ein leises Kribbeln im Herzen, das ihnen sagte: Wir sind zusammen. Das reicht. Und das Kribbeln heute sagte auch noch etwas anderes: Aufregung. Riesige, sprudelnde, kaum-zu-fassende Aufregung. Denn vor ihnen lag der Gipfel des Silberzinns — der höchste Punkt ganz Landoryas, von dem aus man, so sagte man, die ganze Welt sehen konnte. Alle sieben Täler, die drei Drachenkuppen, den Nebelsee und sogar, wenn man sehr genau hinschaute, die glitzernden Türme von Gearhaven. "Wir schaffen das heute noch bis zum Gipfel," murmelte Oma und zog die Jacke enger, das Schuppenmuster auf den Ärmeln leuchtete warm im Nachmittagslicht. "Ich weiß es." Doch dann, um eine Felskurve herum, blieb sie abrupt stehen. Mitten auf dem einzigen Pfad, der nach oben führte, saß eine Frau auf einem umgestürzten Baumstamm. Sie war alt und klein, mit Haaren wie gefrorenes Mondlicht, und um ihre Schultern hing ein Umhang aus verwebten Runen, die schwach in der Kälte schimmerten. Vor ihr lagen ausgebreitet viele kleine Steintafeln — und alle, alle waren durchgebrochen. Luca und Yuna näherten sich neugierig, und die Frau hob den Kopf. "Sigrid," stellte sie sich vor, mit einer Stimme wie das Knirschen frischen Schnees. "Sigrids Runen-Weben. Oder... das war mal so." Sie seufzte und betrachtete eine der zerbrochenen Tafeln. "Ich wollte heute ein Schutzgewebe für die Bergstation weben — eines, das den Winter draußen hält. Ich habe es hundertmal geübt. Hundertmal!" Sie schüttelte den Kopf. "Und trotzdem: Sobald ich es wirklich brauche, sobald es wirklich wichtig ist, bricht es. Jedes Mal." Oma setzte sich neben sie. Der Schnee war kalt unter ihr, aber der Moment war warm. "Darf ich mal sehen?" fragte sie. Sigrid — Oma nannte sie in Gedanken einfach die Runenwoberin — schob ihr eine der Tafeln hin. Die Zeichen darauf waren fein und wunderschön, kunstvoll wie Spinnweben, aber an einer Stelle, genau in der Mitte, hatte sich ein kleiner Knick in den Stein gearbeitet. Ein winziger Fehler. "Da," sagte die Runenwoberin und zeigte auf die Stelle. "Immer da. Ich sehe es immer erst, wenn es zu spät ist." Luca schnupperte an der Tafel. Yuna legte sich neben der Runenwoberin nieder und gähnte so herzlich, dass die alte Frau kurz lächeln musste. "Ich kenne das," sagte Oma leise. "Dieses Gefühl. Wenn man etwas so sehr will, so sehr, dass die Aufregung einem fast die Hände zittern lässt." Die Runenwoberin sah sie an. "Genau das. Und dann passiert genau dann der Fehler." Oma betrachtete die Tafel noch einmal. Dann betrachtete sie den Weg nach oben, den Gipfel, der im Abendlicht rosa schimmerte. Dann hatte sie eine Idee. "Was wäre, wenn du den Knick nicht wegmachst?" fragte sie. Die Runenwoberin runzelte die Stirn. "Wie meinst du das?" "Was wäre, wenn der Knick... Teil des Musters wird? Schau mal." Oma nahm vorsichtig eine der anderen Tafeln und hielt sie daneben. "Wenn du hier eine Linie ziehst, und dort eine, dann ist der Knick plötzlich kein Fehler mehr. Er ist ein Stern." Die Runenwoberin blinzelte. Beugte sich vor. Blinzelte nochmal. Dann nahm sie ihren Meißel und begann, ganz langsam, die Tafeln neu zu verbinden. Nicht so, wie sie es geplant hatte. Sondern anders. Mit dem Knick als Mittelpunkt. Als Herz des Musters. Es dauerte eine Weile. Oma wartete. Luca döste. Yuna beobachtete die Schneeflocken, als wären sie die interessantesten Dinge der Welt. Und dann: ein leises Summen. Die Runen begannen zu leuchten — nicht nur schwach wie vorher, sondern richtig, warm und gleichmäßig, ein goldenes Glühen, das die Kälte auf Abstand hielt. Das Schutzgewebe war fertig. Stärker als je zuvor. Die Runenwoberin stand auf und hielt die zusammengesetzten Tafeln hoch. Sie sah aus, als würde sie gleich weinen, aber auf die gute Art. "Der Knick," flüsterte sie. "Ich wollte ihn die ganze Zeit loswerden. Dabei war er die Stelle, an der das Licht durchkommt." Sie nickte Oma ernst und dankbar zu. Dann machte sie sich auf den Weg zur Bergstation — und der Pfad nach oben war wieder frei. Oma stand auf, klopfte den Schnee von der Hose und schaute hinauf. Der Gipfel des Silberzinns wartete. "Na dann," sagte sie leise. Von Luca kam ein warmes Gefühl, als würde jemand eine Decke um die Schultern legen. Von Yuna kam ein entschlossenes Vorwärtstraben. Los geht's. Der Aufstieg war steil. Der Wind blies von vorne. Einmal rutschte Oma aus und landete kichernd auf den Knien im Schnee. Einmal musste sie an einem Felsvorsprung kriechen. Einmal wäre sie fast rückwärts gerutscht — aber Luca war da, und Yuna war da, und das Kribbeln im Herzen blieb. Und dann, als die Sonne gerade hinter die Berge sank und den Himmel in Orange und Rosa tauchte, standen sie oben. Alle sieben Täler. Die drei Drachenkuppen. Der Nebelsee, der wie ein silbernes Spiegelbild des Himmels glänzte. Und ganz weit weg, kaum zu sehen, die glitzernden Türme von Gearhaven. Es war alles da. Genau so, wie man es versprochen hatte. Oma breitete die Arme aus. Der Wind zerrte an ihrer Jacke. Sie lachte. Und dann — peng — setzte Yuna sich auf ihre Füße und weigerte sich, wieder aufzustehen. "Yuna!" rief Oma. "Wir müssen doch noch runter!" Yuna blinzelte sie an. Sehr gemütlich. Sehr entschlossen. Absolut nicht bereit aufzustehen. Luca, nebenan, sah demonstrativ in eine andere Richtung. Oma seufzte. Dann lachte sie wieder. "Na gut," sagte sie. "Noch eine Minute." Sie setzte sich dazu, und die drei saßen auf dem höchsten Punkt der Welt, während Landorya unter ihnen in den Abend glitt. Schlaf gut, Oma. Du hast heute einen großen Gipfel erklommen. Und morgen wartet ein neuer.

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