Yuna und River the Flowseer

Das Starthorn dröhnte durch ganz Landorya. Yuna saß auf Bellas Rücken — nein, das stimmt nicht. Bella saß auf Yunas Schulter, klein und warm wie ein Sonnenstein, und Yuna stand mit beiden Beinen fest im weichen Moosboden des Großen Grünen Rings. Rund um sie herum drängelte und schnaufte und wippte die bunteste Mischung, die Landorya je gesehen hatte: ein Gnomenmädchen auf einem Einrad aus Kupferzahnrädern, ein kleiner Aeriel-Junge, dessen Füße kaum den Boden berührten, und ein breiter Frostborn-Junge, der wie ein freundlicher Felsblock aussah und trotzdem grinste. Das Rennen des Großen Grünen Rings! Einmal im Jahr flitzten die mutigsten Kinder Landoryas durch Wald, Moor und Kleewiese — quer durch fünf Landschaften, bis zum Ziel an der Bernsteinbrücke. Wer zuerst ankam, durfte das goldene Moos-Abzeichen tragen, das ein ganzes Jahr lang glänzte. Yuna drückte Bella einmal kurz an sich. Bella schnurrte, und in diesem Schnurren steckte etwas — eine ruhige Wärme, die sagte: Wir schaffen das. Zusammen. Die beiden verstanden sich so, ohne ein einziges Wort zu brauchen, Herz an Herz, wie zwei Töne, die denselben Klang ergeben. Dann — Whoooosh! — das Horn noch einmal, und alle rannten los. Yuna lief gut. Ihre Füße federten über die Wurzeln, ihr Haarklipp blitzte im Licht der Morgensonne. Bella saß auf ihrer Schulter und hielt die Ohren gespitzt. Links der Kupfer-Einrad-Krach der Gnomenschülerin, rechts das leise Schweben des Aeriel-Jungen. Yuna blieb in der Mitte. Dann kam das Moor. Der Boden unter Yuna wurde weich, dann weicher, dann — platsch — steckte ihr linker Schuh knöcheltief im schwarzen Schlick. Sie zog, der Schuh blieb, sie zog nochmal, und plop! — da flog sie rückwärts und landete mit dem Hintern im Moos. Bella flog kurz durch die Luft und saß im nächsten Moment kerzengerade auf Yunas Knie, mit einem Gesicht, das eindeutig sagte: Das war nicht der Plan. Yuna musste trotzdem kurz lachen. Dann sah sie, wie die anderen schon weiter vorpreschten, und das Lachen blieb ihr im Hals stecken. Ein kleines, stechendes Gefühl kroch in ihre Brust: zu spät, zu langsam, schon verloren. Bella legte eine weiche Pfote auf Yunas Hand. Yuna stand auf, zog den Schuh aus dem Schlamm, streifte das Moos von ihrer Mondweg-Tunika, und lief weiter. Langsamer jetzt, aber sie lief. Kurz hinter dem Moor, wo der Wald wieder fester wurde und die Bäume wie grüne Türme standen, hörte sie ein Geräusch. Kein Laufen, kein Schnaufen — eher ein Murmeln, fast wie Wasser, das über Steine redet. Zwischen zwei großen Wurzeln saß eine Gestalt. Es war eine Frau mit langen, blaugrünen Haaren, die im Windstillen trotzdem leicht wehten, als würden sie mit dem Fluss träumen. Ihre Augen hatten die Farbe von tiefem Wasser, und um ihre Handgelenke rollten winzige Wellen — richtige, echte Wellen, ganz klein, fast wie Spielzeug. Yunas Fuß blieb stecken. Nicht im Schlamm diesmal. Aus Staunen. Die Frau hob den Blick. "Ah," sagte sie leise. "Das Rennen." "Ich bin schon weit hinten," sagte Yuna, ohne es zu wollen. Die Frau — Yuna würde sie später Wellenwisper nennen, denn so klang ihr Name, wenn man ihn sagte — schüttelte langsam den Kopf. "Ich lese den Strom," sagte sie. "Heute Morgen, ganz früh, hab ich meinen Strom gelesen. Er sagte: Du wirst stürzen. Zweimal." Sie zeigte auf ihr Knie — tatsächlich, eine frische, grüne Moosflecke. "Beim ersten Sturz hab ich fast aufgehört." "Aber du bist noch hier," sagte Yuna. "Ich bin noch hier," bestätigte Wellenwisper. "Weil der Strom auch sagte: Nach dem Sturz kommt die Biegung. Und an der Biegung — da liegt was Schönes." Bella reckte neugierig den Kopf. Wellenwisper sah die Katze an und lächelte — ein echtes Lächeln, eines, das die Augenwinkel faltet. "Dein Begleiter hat kluge Ohren," sagte sie. Dann stand sie auf, klopfte sich Erde von der Hose, und sagte: "Die Abkürzung durch die Silberfarne — sie ist schmal, aber trocken. Die meisten kennen sie nicht. Ich zeig sie dir." Yuna zögerte eine Herzschlag-Sekunde. Dann nickte sie. Die Silberfarne waren wirklich schmal. Yuna musste sich seitwärts hindurchzwängen, und Bella kletterte ihr auf den Kopf, weil die Farne zu nass zum Sitzen waren, und das sah ungefähr so aus, als würde Yuna einen sehr ernsten Katzen-Hut tragen. Wellenwisper lief voraus und bog Zweige zur Seite, und einmal, als Yuna ausrutschte, war eine Hand da — fest und ruhig wie ein Flussufer. Und dann — die Biegung. Der Wald öffnete sich. Vor ihnen lag die letzte große Wiese vor der Bernsteinbrücke, golden im Mittagslicht. Yuna sah: der Aeriel-Junge war weit vorn, das stimmte. Aber das Gnomenmädchen auf dem Einrad hatte einen Platten — ein Zahnrad klapperte traurig auf dem Boden. Der Frostborn-Junge half ihr, ohne auch nur daran zu denken, selbst weiterzulaufen. Yuna lief. Ihre Beine brannten. Bella sprang von ihrem Kopf zurück auf die Schulter und hielt sich fest, und da war dieses Gefühl wieder — warm und sicher und mutig, direkt durch die Schulter bis ins Herz. Die Brücke kam näher. Der Aeriel-Junge kam als Erster an. Dann Yuna — als Zweite. Dann, ein bisschen später, der Frostborn-Junge, der das Gnomenmädchen auf seinem Rücken trug, weil ihr Einrad den Geist aufgegeben hatte. Alle drei bekamen kein goldenes Moos-Abzeichen, aber die Richterin — eine alte Dame mit silbernem Haar — gab dem Frostborn-Jungen trotzdem etwas: ein kleines, glänzendes Abzeichen aus grünem Stein. "Für den schönsten Lauf," sagte sie ruhig. Yuna schaute auf ihre Hände. Schlammflecken, Farnaritzen, eine kleine Schramme. Und trotzdem — sie fühlten sich stärker an als morgens. Wellenwisper stand am Rand und winkte. Dann war sie weg, zurück zum Fluss, zurück zu ihrem Strom. Bella gähnte so breit, dass man alle ihre kleinen Zähne sehen konnte, und rollte sich auf Yunas Arm zusammen. Die Sonne sank hinter die Bernsteinbrücke. Yuna lehnte sich gegen einen warmen Stein und hörte dem Fluss zu. Und irgendwo, ganz leise, plätscherte er: Nach dem Sturz kommt die Biegung. Und an der Biegung liegt was Schönes. Gute Nacht, Yuna. Gute Nacht, Bella — du kluger, ernster, wunderbarer Katzen-Hut.

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