Chapter 1
Der Jüngste schlägt zuerst zu
Der Jüngste schlägt zuerst zu
Das Holzschwert pfiff durch die Luft, und James war überzeugt, dass es genau so klang wie ein echtes. Zumindest fast. Er hatte es selbst aus einem alten Haselnussast geschnitzt, drei Abende lang, und die Klinge war schön gerade geworden – wenn man nicht zu genau hinschaute.
Der Garten von Greenvale lag im langen, goldenen Licht des späten Nachmittags. Die Apfelbäume warfen weiche Schatten über das Gras, und irgendwo in der Hecke zwitscherte eine Amsel ihr gemächliches Lied. James kümmerte das wenig. Er hatte einen Gegner: die Luft selbst. Er trat vor, wirbelte, sprang ab mit einem Schrei, der die Amsel zum Schweigen brachte, und landete – leider genau mit der Ferse im Bein des alten Gartentisches.
Der Tisch kippte.
Und mit ihm Roberts Astronomiekarten.
Die großen, sorgfältig beschrifteten Bögen segelten lautlos zu Boden, einige rollten sich auf, andere falteten sich um, alle landeten im taufeuchten Gras. Auf dem obersten Blatt zeigte der gezeichnete Mond James sein rundes Gesicht, als wäre er selbst erstaunt.
Robert stand in der Terrassentür. Er war zwei Jahre älter als James und hatte das ruhige Gesicht eines Menschen, der sehr viel weiß und sehr wenig sagt. Er sah die Karten, er sah James, und dann seufzte er. Nur ein kleines, leises Seufzen, wie ein Windhauch, der sich umentscheidet.
Das war das Schlimmste daran.
James hätte sich über Ärger gefreut. Über Geschrei, über eine ernsthafte Standpauke. Stattdessen kam Mary um die Hausecke, das älteste der drei Starwind-Geschwister, das Haar wie immer locker aufgesteckt und halb wieder heruntergefallen. Sie sah die Karten, sah James, und lächelte – dieses sanfte, wissende Lächeln, das er so sehr hasste, weil er nie wusste, was dahintersteckte.
„Ich helfe dir aufräumen, Robert", sagte sie einfach, und damit war die Sache für die beiden erledigt.
Für James nicht.
Er steckte das Holzschwert in den Hosenbund und trollte sich wortlos ins Haus, aber die Wut blieb, warm und störrisch, irgendwo unter dem Brustbein.
Beim Abendessen roch es nach Marys Linsensuppe, und das Kerzenlicht tanzte über die alte Holzdecke. James wartete, bis alle den ersten Löffel genommen hatten, dann legte er seinen hin.
„Wann darf ich auf eine echte Mission?"
Die Stille, die folgte, war nicht unangenehm für die anderen. Nur für ihn.
Robert und Mary tauschten einen Blick aus. Einen jener Blicke, die wie eine ganze Unterhaltung waren, in einer Sprache, die James nicht sprach. Mary nippte an ihrem Wasser. Robert rührte in seiner Suppe.
„Iss", sagte Mary schließlich, immer noch mit diesem Lächeln.
James aß. Aber er sprach kein weiteres Wort.
Später lag er in seinem Zimmer unterm Dach, die Hände hinter dem Kopf, und starrte durch das kleine, viereckige Dachfenster hinauf in den Himmel. Die Sterne standen klar und kalt, und am Horizont hoben sich die dunklen Umrisse der Celestial Mountains gegen das tiefe Blau der Nacht ab, wie Riesen, die schlafen – oder so tun als ob.
Er kannte die Geschichten. Jeder in Greenvale kannte sie. Die Berge, hieß es, flüsterten. Und manchmal, wenn der Wind aus dem Süden kam, glaubte James, etwas zu hören: ein tiefes, geduldiges Murmeln, das er nie ganz verstand.
Geduld. Das Wort schmeckte ihm wie saure Äpfel.
Er rollte sich auf die Seite und kniff die Augen zusammen. Die Berge blieben, wo sie waren, groß und dunkel und schweigend.
Beim nächsten Mal, schwor er sich, würde er der Erste sein. Nicht der Jüngste, der aufräumt und wartet und gegessene Suppe hinunterschluckt. Der Erste.
Er schlief ein, bevor er sich ausmalen konnte, wie das genau aussehen würde.