Chapter 15
Frühling in einem Atemzug
Kapitel 15: Frühling in einem Atemzug
Das Licht kam nicht langsam. Es kam auf einmal – wie ein Atemzug, der zu lange zurückgehalten worden war und nun endlich, endlich herausbrach.
Der Herzstein platzte auf wie eine reife Frucht, und das Gold darin war kein gewöhnliches Leuchten. Es war warm. Es roch nach nassem Gras und frisch gebackenem Brot und dem ersten Morgen nach einem langen Winter. Es rollte über die Lichtung wie eine Welle, stieg über die alten Eichen, schoss durch die Täler von Greenvale und berührte jeden Halm, jeden Stein, jede schlafende Knospe, die noch nicht gewagt hatte, den Kopf zu heben.
Der Frost schmolz. Nicht tropfenweise, nicht zögernd. Er schmolz in Sekunden zu Tau, und die Felder glitzerten auf einmal wie ein Tuch voller Sterne.
Mary stand mitten in diesem Licht und hörte auf zu singen, weil sie gar keine Luft mehr fand. Ihr Herz schlug zu laut. Ihre Hände, die sie so oft versteckt hatte, die Hände mit den leuchtenden Linien und dem merkwürdigen Kribbeln, lagen offen an ihren Seiten, und das goldene Licht tanzte über sie hinweg wie über alle anderen Dinge auch.
Malachar war noch da. Aber nicht mehr als riesige, zornige Gestalt aus Eis und Nebel.
Er wurde kleiner. Ganz langsam, ganz leise, als würde jemand tief in ihm eine schwere Last absetzen, die er viel zu lange getragen hatte. Der Nebel löste sich auf wie Atem in der Morgenluft, das Eis fiel nicht krachend, es schmolz einfach fort, und übrig blieb – ein Funken. Winzig. Warm. Goldig, mit einem Hauch von Blau darin, ein Licht, das zitterte wie eine Kerze im Wind und dennoch nicht erlosch.
Dann summte der Funken.
Es klang wie eine Windglocke, die man vergessen hatte, irgendwo unter Schnee. Rein und ein bisschen wehmütig und gleichzeitig so erleichtert, dass Mary die Kehle eng wurde.
„Das ist er", flüsterte Lira neben ihr. „Der echte Malachar. Der Wächter, der er immer war."
Der Funken schwebte einen Moment lang in der Luft, als würde er sich an allem erinnern wollen – an die Lichtung, an die Bäume, an den Morgen. Dann neigte er sich, wie jemand, der sich verbeugt, und trug sich sanft zurück in den Herzstein. Das Kristall nahm ihn auf wie eine Hand, die sich um etwas Kostbares schließt. Die Risse leuchteten einmal, zweimal, goldener als Gold. Dann schlossen sie sich.
Der Stein war warm. Mary konnte es spüren, auch ohne ihn zu berühren.
Pip schrie.
Nicht aus Schreck. Es war ein Jauchzen, ein echter, ausgelassener Jubellaut, und er sprang in die Luft und warf die Arme hoch und landete tänzelnd wieder auf den Füßen, und dann tanzte er einfach weiter, mitten auf der Lichtung, ohne Musik, ohne Plan, einfach weil ihm die Füße keine andere Wahl ließen. Seine Kräuterbeutel schlugen dabei gegen seine Hüfte, und er kümmerte sich nicht im Geringsten darum.
Lira leuchtete.
Nicht das müde, gedimmte Silber der letzten Wochen. Vollständiges, strahlendes Silber, wie der Mond, wenn er über frisch gefallenem Schnee steht, und ihr Horn warf ein Licht, das die Schatten unter den Bäumen wegküsste. Sie hob den Kopf, schüttelte die Mähne, und es klang wie das Läuten von tausend kleinen Glocken.
Dann begann der Regen.
Nicht kalt. Nicht grau. Ein Frühlingsregen, weich und warm, der roch nach aufgetauter Erde und nach Anfängen. Er fiel auf Marys Gesicht und auf ihre Hände, die immer noch offen an ihren Seiten lagen.
Und Mary lachte.
Es kam ohne Warnung, ohne Entscheidung. Es kam einfach aus ihr heraus, laut und frei und ein bisschen rau, weil es ein Lachen war, das schon sehr lange darauf gewartet hatte, gehört zu werden. Sie lachte über den Regen, über Pip, der noch immer tanzte, über den warmen Stein, über den kleinen summenden Funken, der endlich nach Hause gefunden hatte. Sie lachte über sich selbst und über ihre Hände, die sie nicht versteckte. Nicht jetzt. Vielleicht nie wieder.
Der Frühling lag über Greenvale wie eine Umarmung.
Und mitten darin stand Mary – nass, leuchtend, lachend.