Chapter 5

Wo der Wind singt

Wo der Wind singt – scene

Der letzte Baum ließ sie einfach durch.

Einen Atemzug später standen Robert und Thorne am Rand des Waldes, und Robert vergaß für einen Moment, wie seine eigenen Beine funktionierten. Vor ihm türmten sich die Sturmklippen auf wie die Zähne eines uralten Riesen, grau und silbern und an den Spitzen von der Morgensonne vergoldet. Der Himmel dahinter war so blau, dass es fast weh tat.

Und zwischen den Felsvorsprüngen segelten sie.

Majestic Eagles. Echte. Ihre Flügel waren so weit gespannt wie Scheunentor­e, und an den Spitzen leuchteten die Goldfedern wie kleine Flammen im Aufwind. Roberts Mund stand offen. Er hatte sie in jedem seiner Bücher gesehen, in Schwarzweiß auf vergilbtem Papier, und sich immer gefragt, ob die Zeichner übertrieben hatten.

Sie hatten nicht übertrieben.

Thorne stupste ihn sanft mit der Schulter. Robert blinzelte und schaute höher, noch höher, fast bis dorthin, wo der Fels in den Wolken verschwand. Und da war es: ein Blitz roten Tuchs, eingeklemmt zwischen zwei schroffen Vorsprüngen, flatternd wie eine kleine, tapfere Fahne. Sein Drachen. Sein roter Drachen.

Robert ballte die Hände zu Fäusten, aber diesmal nicht vor Ärger. „Da bist du ja", flüsterte er.

Der Weg begann harmlos genug: grobes Geröll, ein paar glatte Steine, das Gras wurde dünner. Robert kletterte, setzte die Hände ab und zu auf einen Felsen und zog sich hoch. Einmal rutschte sein linker Fuß weg, und in derselben Sekunde streckte Thorne einen großen Flügel neben ihn, ruhig und selbstverständlich, so wie man einem Freund die Hand hinhält.

Robert griff danach. Einfach so.

Er dachte nicht weiter darüber nach. Er dachte an den roten Drachen, an die Adler über ihm, an den Wind, der hier zwischen den Felsen sang wie durch ein riesiges, steinernes Instrument. Der Wind roch nach Regen und Weite und frischem Anfang.

Schritt für Schritt arbeiteten sie sich höher.