Luca und Glassblower Master Clear

Luca rannte so schnell er konnte, und Klipp donnerte direkt hinter ihm her. Der Boden des Leuchtmoos-Waldes federte bei jedem Schritt, als wäre er aus lauter kleinen Kissen gemacht. Überall leuchteten die Moospolster in sanftem Grün und Blau, und winzige Funken tanzten um die Baumwurzeln wie schlaftrunkene Glühwürmchen. Luca kannte diesen Wald kaum — er war erst heute Abend hineingeglitten, fast aus Versehen, durch eine Lücke zwischen zwei alten Bäumen, die er noch nie zuvor bemerkt hatte. Klipp legte eine riesige Hand auf Lucas Schulter, so sanft, dass es sich anfühlte wie eine warme Decke, die sich von allein um einen schmiegt. Die beiden verstanden sich ganz ohne Worte, Herz an Herz, wie eine leise Melodie, die man nicht hören muss, um sie zu spüren. Und gerade jetzt spürte Luca etwas von Klipp: Neugier. Und ein ganz kleines bisschen Aufregung. "Da vorne", flüsterte Luca. Zwischen den leuchtenden Stämmen blinkte etwas. Hell, dann dunkel, dann hell. Wie ein Herzschlag aus Licht. Luca schlich näher heran. Er schob einen Farnwedel beiseite, und da stand sie: eine riesige Laterne, fast so groß wie ein Baum, aus hundert kleinen Glasstücken zusammengesetzt. Jedes Stück hatte eine andere Form — manche rund, manche spitz, manche gewellt wie Wasser. Und aus jedem Stück strömte ein anderes Licht: goldenes, rosafarbenes, tiefblaues. Aber mitten in der Laterne klaffte ein Loch. Ein dunkles, stilles Loch. Und aus diesem Loch kam gar kein Licht. Neben der Laterne kniete eine kleine Gestalt mit silbernen Haaren und einer Schürze voller bunter Flecken. Sie hielt ein Glasstück in beiden Händen und murmelte leise vor sich hin. Dann schüttelte sie den Kopf. Legte das Stück beiseite. Nahm ein anderes. Schüttelte wieder den Kopf. "Hallo?", rief Luca. Die Gestalt fuhr herum. Es war ein altes Männchen mit runden Augen und einer Nase, die ein bisschen aussah wie ein freundlicher Pilz. Er trug eine Brille mit dicken Gläsern, und auf seiner Schürze stand: Meister Klar. "Oh!", sagte Meister Klar. "Ein Besucher! Und so ein großer Freund dabei!" Er blinzelte zu Klipp hoch, der ruhig hinter Luca stand. Die Äste des nächsten Baumes bogen sich ganz leicht zur Seite, um Platz für ihn zu machen. "Was ist passiert?", fragte Luca und zeigte auf das dunkle Loch in der Laterne. Meister Klar seufzte tief. "Das ist die Herzlaterne des Leuchtmoos-Waldes. Jedes Jahr am Abend des Großen Leuchtens muss ich das letzte Glasstück einsetzen — das Mittelstück, das alle anderen zusammenhält und das ganze Licht zum Leuchten bringt. Aber..." Er zeigte auf einen Haufen Glasstücke am Boden. "Ich habe es schon zwanzig Mal versucht. Es passt nicht. Es ist nicht rund genug. Oder zu dünn. Oder zu blau. Und wenn das Mittelstück fehlt, bleibt der ganze Wald heute Nacht dunkel." Luca schaute auf die Glasstücke. Es gab so viele davon. Er kniete sich hin und nahm eines in die Hand — es war warm und leuchtete ganz schwach, als wäre ein kleines Feuer darin eingeschlafen. "Darf ich?", fragte er. Meister Klar zuckte mit den Schultern. "Ich habe es zwanzig Mal versucht", sagte er leise. "Vielleicht haben junge Augen mehr Glück." Luca betrachtete das Loch in der Laterne. Er hielt das Glasstück daneben. Zu klein. Er nahm ein anderes. Zu eckig. Er probierte ein drittes — zu dunkel. Ein viertes. Zu hell. Klipp setzte sich hinter Luca, und sein warmer Atem schob ganz sachte den Nebel des Waldes beiseite, sodass mehr Licht auf die Glasstücke fiel. Luca sah plötzlich Farben, die er vorher nicht bemerkt hatte. Da — ein Stück, das nicht ganz rund war, aber fast. Es hatte ein bisschen von jeder Farbe drin: Gold, Rosa, Blau, und dazu noch etwas Grünes, das er gar nicht erwartet hatte. Luca hob es auf. Es fühlte sich anders an als die anderen. Schwerer. Voller. "Dieses hier", sagte Luca. "Das?" Meister Klar schüttelte den Kopf. "Das habe ich als erstes probiert. Es ist nicht perfekt rund. Siehst du? Da, diese kleine Welle am Rand." Luca schaute. Ja, da war eine Welle. Aber dann schaute er auf das Loch in der Laterne. Und er sah: Das Loch hatte auch eine kleine Welle. Genau dort, wo das Glasstück hinsollte. "Meister Klar", sagte Luca langsam, "ich glaube, das Loch ist auch nicht ganz rund." Stille. Meister Klar bückte sich. Blinzelte. Nahm seine Brille ab, putzte sie, setzte sie wieder auf. Blinzelte noch einmal. Dann wurde sein Gesicht ganz weich. "Du hast recht", flüsterte er. "Ich habe immer gedacht, das Mittelstück muss perfekt rund sein. Weil ich es mir so vorgestellt habe. Aber das Loch... das Loch war die ganze Zeit schon so, wie es ist." Er nahm das Glasstück aus Lucas Hand. Ganz vorsichtig, mit zwei Fingern, hielt er es an die Laterne. Er drehte es ein kleines bisschen. Und dann — klick — glitt es hinein. Ein Laut wie ein einziger, tiefer Atemzug. Und dann explodierte die Laterne in Licht. Nicht laut, nicht erschreckend — aber so hell und so warm, dass Luca die Augen zukniff und trotzdem lächeln musste. Das Licht schoss durch die Bäume, sprang von Moos zu Moos, kletterte die Stämme hoch und tanzte auf den Blättern. Der ganze Leuchtmoos-Wald erwachte auf einmal, als hätte er nur auf diesen einen Moment gewartet. Meister Klar stand da und schaute hinauf. Seine Augen glänzten. "Weißt du", sagte er leise zu Luca, "ich habe so lange geübt, so viele Glasstücke geschliffen, dass ich irgendwann dachte, nur das Perfekte kann leuchten. Aber du..." Er schüttelte den Kopf und lachte ein kleines, wundersames Lachen. "Du hast einfach hingeschaut. Wirklich hingeschaut." Luca spürte, wie sich etwas in seiner Brust ausbreitete. Warm, wie Sonnenlicht durch eine Wolke. Er schaute auf seine Hände. Eben noch hatten sie zwischen lauter Glasstücken gesucht. Jetzt leuchtete der ganze Wald. Klipp legte eine große Hand auf Lucas Rücken — schwer und warm und sicher. Zeit, nach Hause zu gehen. Sie gingen durch den leuchtenden Wald zurück, und die Moospolster federten mit jedem Schritt. Überall blinkten die kleinen Funken, als würden sie Abschied winken. "Klipp", sagte Luca, "Meister Klar hat ganz oft versucht, das Glasstück einzusetzen, und es hat trotzdem nicht geklappt." Klipp brummte leise. "Und dann hat es doch noch geklappt", sagte Luca. "Weil er nicht aufgehört hat. Und weil..." Er dachte nach. "Weil manchmal ein anderer Blick hilft." Er gähnte so riesig, dass Klipp leise lachte — ein tiefes, weiches Grummeln, das sich anfühlte wie Donner in weiter Ferne. "Klipp", murmelte Luca noch, als er schon fast schlief, "ich glaube, Meister Klars Brille war ein bisschen zu beschlagen." Klipp brummte wieder. Und diesmal klang es sehr, sehr einverstanden. Schlaf gut, kleiner Held. Du siehst Dinge, die andere manchmal übersehen. Und das ist ein Geschenk. Gute Nacht.

Mach deinem Kind so eine Geschichte

Kostenlos, in Minuten – mit eurem eigenen Helden in der Welt von Landorya.