Yuna und Pyrrhax The Matchmaker
Der Wind riss Yuna fast die Mütze vom Kopf.
Dabei hatte sie gar keine Mütze auf — aber so schnell pfiff die Luft um ihre Ohren, während Pyrras Flügel links und rechts von ihr rauschten wie zwei riesige Segel.
"Festhalten!", rief die Drachendame, und Yuna drückte sich tiefer in das weiche Fell zwischen Pyrras Schulterblättern. Bella, ihre Katze, saß wie festgenäht in Yunas Schoß, die Augen schmal, die Ohren nach hinten gelegt — und doch spürte Yuna, wie ein ganz kleines, zufriedenes Schnurren durch Bellas Bauch bebte. Die beiden brauchten keine Worte dafür. Ein Schnurren von Bella war wie ein Lachen, das man fühlen konnte, ohne es zu hören.
Landorya lag unter ihnen wie ein aufgeklapptes Bilderbuch.
Grüne Wälder, silberne Flüsse, und ganz in der Ferne die goldenen Türme von Pyrras Heimatdorf, den Drachenfelsen von Emberveil. Pyrra war jung — nicht viel größer als ein Schulbus, wenn man solche Maßstäbe kennt — und ihre Schuppen schimmerten in einem warmen Rotgold, das in der Abendsonne fast leuchtete. Sie hatte Yuna heute Nachmittag am Rand des Silbermooses gefunden, wie Yuna nachdenklich Steine ins Wasser warf, und hatte einfach gefragt: "Willst du mitfliegen?"
Natürlich hatte Yuna ja gesagt.
Jetzt waren sie schon eine Weile unterwegs, und Yuna merkte, dass Pyrra nicht einfach so flog. Sie flog in eine bestimmte Richtung. Immer geradeaus, mit einer kleinen Falte zwischen den Drachen-Augenbrauen.
"Wo fliegen wir hin?", fragte Yuna.
Pyrra zögerte einen Moment. Dann, leiser als vorher: "Ich muss dir etwas zeigen. Aber ich habe noch niemandem davon erzählt."
Yuna richtete sich auf. "Ein Geheimnis?"
"Ja", sagte Pyrra. "Und ich weiß nicht, ob es ein gutes oder ein schlechtes ist. Deshalb... habe ich Angst, es zu zeigen."
Das verstand Yuna. Manchmal hatte man etwas bei sich, das man nicht sicher einordnen konnte — etwas, das sich warm anfühlte und gleichzeitig ein bisschen zwickte. Bella streckte eine Pfote aus und tippte Yuna sanft gegen die Hand, als würde sie sagen: Genau. Kenn ich.
Sie flogen tiefer, in ein Tal, das Yuna noch nie gesehen hatte.
Zwischen zwei steilen Felswänden lag ein kleiner See, und mitten im See — das war das Geheimnis — stand eine winzige Insel. Und auf der Insel wuchs ein Baum. Kein gewöhnlicher Baum. Seine Blätter leuchteten in einem sanften Blauviolett, und an seinen Ästen hingen keine Früchte, sondern kleine, runde, glühende Lichter. Wie Lampions. Wie eingefangene Sterne.
"Ich habe ihn vor drei Wochen entdeckt", sagte Pyrra, als sie landeten. "Seitdem komme ich jeden Abend her. Aber ich habe mir gedacht — was, wenn er verschwindet, sobald ich ihn jemandem zeige? Manche Dinge sind doch nur für einen selbst."
Sie klang ein bisschen traurig dabei. Und ein bisschen erleichtert, dass sie es endlich gesagt hatte.
Yuna schaute den Baum an. Die Lichter wippten sachte im Wind, warm und ruhig.
"Und warum zeigst du ihn mir jetzt?", fragte sie leise.
Pyrra senkte den großen Kopf, sodass ein Drachenauge auf Augenhöhe mit Yuna war — rund und bernsteinfarben und ehrlich. "Weil Geheimnisse, die man alleine trägt, manchmal schwerer werden. Wie ein Stein, der immer größer wird, je länger man ihn in der Tasche hat."
Yuna nickte. Das kannte sie auch.
Dann passierte etwas Merkwürdiges.
Als Pyrra den Baum ansah — wirklich ansah, zum ersten Mal mit jemandem an ihrer Seite — begannen die Lichter heller zu leuchten. Nicht grell. Aber wärmer. Als würden sie sich freuen, gesehen zu werden.
"Oh", machte Pyrra.
"Oh", machte Yuna.
Bella sprang von Yunas Schulter, tapste zum Ufer der kleinen Insel und setzte sich hin, den Schwanz um die Pfoten gewickelt, und schaute den Baum an mit dem ernsthaften Gesicht, das Katzen manchmal aufsetzen, wenn sie etwas für sehr wichtig halten.
"Er wird nicht kleiner, wenn du ihn teilst", sagte Yuna. "Ich glaube, er wird größer."
Pyrra schwieg eine Weile. Dann machte sie etwas Unerwartetes: Sie lachte. Ein tiefes, rollendes, drachenartiges Lachen, das das Wasser auf dem See kräuselte und die Lichter zum Tanzen brachte.
"Ich glaube, du hast recht", sagte sie.
Sie blieben noch lange dort, die drei. Pyrra erzählte, wie sie den Baum gefunden hatte — durch einen Nebel, aus Versehen, auf der Suche nach einem verlorenen Handschuh. Yuna erzählte ihr von ihrer liebsten Stelle am Silbermoos, die sie auch noch niemandem gezeigt hatte. Und Bella schnurrte so laut, dass die Lichter im Takt wippten, als wären sie eine Art Musik.
Als die Sterne über Landorya auftauchten, machten sie sich auf den Rückweg.
Pyrra flog langsamer diesmal. Keine Eile mehr. Die Falte zwischen ihren Augenbrauen war weg.
"Darf ich nächste Woche wiederkommen?", fragte Yuna, als sie am Rand des Silbermooses landeten.
"Ich dachte", sagte Pyrra mit einem schiefen Drachengrinsen, "du wärst vielleicht meine offizielle Baum-Hüterin. Falls du möchtest."
Yuna lachte. "Offizielle Baum-Hüterin. Das klingt nach einem sehr wichtigen Job."
"Der wichtigste", sagte Pyrra feierlich. Dann neigte sie den Kopf. "Danke. Dafür, dass du einfach geschaut hast. Ohne zu urteilen."
Yuna legte kurz die Hand auf Pyrras warme, schuppige Schnauze. Pyrra blinzelte langsam — das ist bei Drachen ein Lächeln, wenn man es weiß.
Dann hob sie ab, und das Rotgold ihrer Flügel verschwand im Abendhimmel wie eine Flamme, die gemütlich ausgeht.
Yuna schaute ihr nach, Bella auf der Schulter.
Und weißt du, was sie in diesem Moment dachte?
Dass Geheimnisse, die man mit dem richtigen Menschen teilt, keine Geheimnisse mehr sind.
Sie werden Geschichten.
Gute Geschichten.
Die besten überhaupt.
Bella schnurrte einmal, kurz und bestimmt, wie ein Punkt am Ende eines Satzes.
Dann gähnte sie so herzhaft, dass man alle ihre kleinen Zähne sehen konnte — und Yuna musste trotzdem lachen, den ganzen Weg nach Hause.
Schlaf gut, kleines Herz.
Deine Geheimnisse sind bei dir sicher.
Und die richtigen Freunde machen sie leichter — und das Licht daran heller.
Träum schön.
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