Yuna und Reed Marshwalker
Der Nebel des Vergessens lag über dem Moor von Schilfgrau wie eine dicke Wolldecke — und mittendrin stapfte Yuna bereits seit einer halben Stunde durch das knöcheltiefe Schilf, das an ihren Beinen zischte wie hundert leise Stimmen.
„Bella", flüsterte sie, „ich glaube, wir haben uns verlaufen."
*Nicht verlaufen*, meldete sich die Katze in ihrem Kopf, warm und ruhig wie immer. *Wir haben nur den Weg noch nicht gefunden. Das ist ein Unterschied.*
Yuna schaute auf die kleine Karte, die ihr die alte Händlerin am Morgenmarkt von Silberbach gegeben hatte. Darauf war ein Zeichen eingezeichnet: ein Schilfrohrbündel, gebunden mit einem blauen Faden. „Der Hüter des Moors weiß, wo die Silberqualle lebt", hatte die Händlerin gesagt. „Bring ihm die Qualle, und er wird dir den Weg durch das Moor zeigen." Nur: Kein Mensch hatte ihr erklärt, wie man den Hüter findet.
Bella saß auf Yunas Schulter und schnupperte in die feuchte Luft. Ihre Schnurrhaare zitterten.
Dann — ein Geräusch. Ein Knacken. Ein Zischen. Und ein Fluch.
„Au! Verflixter Schilfrohrstumpf, zum dritten Mal heute!"
Yuna drehte sich um. Zwischen zwei bemoosten Birkenstämmen stand eine Gestalt: groß, mit einem Umhang aus geflochtenem Schilf, auf dem Kopf eine Art Hut aus Binsen, und an den Füßen Stiefel, die bis zu den Knien mit Moorschlamm bedeckt waren. Die Gestalt rieb sich das Schienbein und knurrte leise.
„Hallo?", rief Yuna.
Die Gestalt hob den Kopf. Darunter ein wettergegerbtes Gesicht, braune Augen, misstrauisch wie ein Fischreiher, der nicht weiß, ob er wegfliegen oder bleiben soll.
„Wer bist du, und warum bist du in meinem Moor?"
„Ich bin Yuna. Und das ist Bella." Bella gähnte demonstrativ. „Wir suchen den Moorhüter."
Die Gestalt verschränkte die Arme. „Den habt ihr gefunden. Ich bin Reed." Er schaute sie von oben bis unten an. „Du siehst nicht aus wie jemand, der ins Moor gehört."
„Ich weiß", sagte Yuna. „Aber ich brauche trotzdem Hilfe."
*Mutig*, flüsterte Bella in ihrem Kopf. *Auch wenn man nicht sicher ist, ob man willkommen ist — es sagen. Das ist das Schwierigste.*
Reed schnaufte. „Was willst du?"
„Die Silberqualle. Ich muss sie zur Händlerin in Silberbach bringen. Sie sagt, die Qualle kann das Wasser der Kranken heilen — aber niemand weiß mehr, wo sie lebt."
Etwas in Reeds Gesicht veränderte sich. Kaum spürbar, aber Yuna sah es: ein Zucken um den Mund, das kein Lächeln war und doch kein Zorn.
„Ich weiß, wo sie ist", sagte er leise. „Aber ich zeige es niemandem."
„Warum nicht?"
Reed schwieg lange. Dann setzte er sich auf einen Moosstein, als wären seine Beine plötzlich müde. „Weil das letzte Mal, als ich jemandem vertraute und den Weg zeigte, das Moor fast leer wurde. Sie haben das Schilf abgeholzt. Die Frösche sind verschwunden. Drei Wintermonde lang war es still." Er schaute auf seine Hände. „Stille im Moor — das klingt nach Ruhe. Aber es war keine Ruhe. Es war Verlust."
Yuna setzte sich neben ihn auf einen zweiten Stein. Bella sprang in ihren Schoß.
„Das tut mir leid", sagte Yuna leise. „Wirklich."
Reed schaute sie an, als hätte er das Wort „leid" lange nicht gehört.
„Ich will das Moor nicht leermachen", fuhr Yuna fort. „Ich will eine einzige Qualle — nicht fangen, nur sehen. Damit ich weiß, dass sie noch da ist. Die Händlerin braucht nur ein Bild davon, einen Beweis, damit sie die Heilkundigen schicken kann, die das Wasser studieren. Keine Axt. Keine Netze."
Reed trommelte mit den Fingern auf den Stein. Einmal. Zweimal. Dreimal.
„Wie soll ich wissen, dass das stimmt?"
„Du weißt es nicht", gab Yuna zu. „Aber ich bin hergekommen, ohne zu schleichen. Ich habe laut gerufen. Ich habe dir gesagt, wer ich bin und was ich will." Sie hielt inne. „Jemand, der lügt, schleicht."
Reed sah sie lange an. Dann — ein echtes Schnaufen diesmal, halb Lachen, halb Seufzen.
„Du bist ein komisches Kind."
„Das sagen viele", sagte Yuna.
Reed stand auf. „Na gut. Aber ich komme mit. Jeden Schritt."
Das Moor veränderte sich, je tiefer sie hineingingen. Das Schilf wurde höher, das Wasser dunkler, und dann — dann öffnete sich eine kleine Lichtung, und in der Mitte lag ein See, der aussah wie ein Spiegel aus schwarzem Glas. Und darunter: ein Leuchten.
Silbrig. Zart. Pulsierend wie ein Herzschlag.
Die Silberqualle trieb in der Tiefe, und ihr Schirm warf Lichtringe an die Wasseroberfläche, die sich langsam ausbreiteten wie Wellen aus Mondschein.
Yuna hielt den Atem an.
„Sie ist noch da", flüsterte Reed neben ihr — und in seiner Stimme lag etwas, das sich anhörte wie das Ablegen einer schweren Last.
Yuna holte das kleine Leuchtsteinchen aus ihrer Tasche — eine Kristallscheibe, die Bilder festhielt wie ein Spiegel eine Erinnerung — und hielt sie über das Wasser. Das Bild der Qualle tauchte darin auf: schwebend, strahlend, lebendig.
„Fertig", sagte Yuna.
Reed schaute auf die Kristallscheibe. Dann auf Yuna. Dann wieder auf die Scheibe. „Du hast sie nicht angefasst."
„Ich hab's doch gesagt."
Eine Pause. Dann tat Reed etwas Unerwartetes: Er lachte. Nicht laut, aber echt — ein tiefes, ein bisschen verrostetes Lachen, als hätte er es eine Weile nicht geübt.
„Komm", sagte er. „Ich zeig dir den Weg raus. Den kurzen."
Auf dem Rückweg erzählte Reed ihr, wie das Moor die Frösche zurückgebracht hatte — langsam, einen nach dem anderen, in drei Jahren. Wie er jeden Abend nachgezählt hatte. Yuna hörte zu und nickte, und Bella schnurrte auf ihrer Schulter, warm und zufrieden.
Als Yuna am Rand des Moors stand und die Lichter von Silberbach in der Ferne sah, drehte sie sich noch einmal um.
Reed stand im Schilf und hob eine Hand. Nicht zum Winken — eher wie jemand, der ein Versprechen bestätigt.
Yuna hob auch ihre Hand.
*Er hat dich reingelassen*, sagte Bella in ihrem Kopf, *weil du nicht so getan hast, als wärst du harmlos. Du warst ehrlich. Das ist der Unterschied.*
„Ich weiß", sagte Yuna leise. Und dann, nach einer Pause: „Glaubst du, die Frösche hören ihn, wenn er sie zählt?"
*Natürlich*, sagte Bella. *Frösche hören alles.*
„Das ist Unsinn."
*Ich bin eine Katze. Ich weiß Bescheid über Unsinn.*
Yuna kicherte — und das Lachen trug sie den ganzen Weg nach Silberbach.
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Gute Nacht, du.
Irgendwo im Moor zählt Reed gerade seine Frösche.
Und die Silberqualle leuchtet noch.
Und du —
du bist genau dort, wo du sein sollst.
Schlaf gut.
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