Das Einhorn und der erste Stern
Eine Gute-Nacht-Geschichte aus Landorya
Auf den weichen Wiesen der Sternblütenweite, wo das Gras selbst im Dunkeln leise schimmerte und die Blumen einen Duft wie warmen Honig verströmten, lebte ein kleines Einhorn namens Lumi. Ihr Fell war so blass silbern wie Morgennebel, und ihr kleines Horn gab gerade genug Licht, um einen Löwenzahn dabei zu lesen. Jede Nacht, wenn der Tag zu verblassen begann, stieg Lumi den kleinen Hügel in der Mitte der Wiese hinauf, und sie schaute und wartete auf den allerersten Stern, der am Himmel erschien. Sie fand, das war der wichtigste Augenblick des ganzen Tages — schöner als der süßeste Klee, schöner als ein Galopp in der Sonne. Solange der erste Stern kam, wusste sie, dass mit der Welt alles in Ordnung war, und sie konnte glücklich einschlafen.
Doch an diesem besonderen Abend blieb der Himmel leer. Lumi schaute hinauf und hinauf, und da war überhaupt nichts als tiefes Blau, das langsam zu Schwarz wurde. Sie wartete. Sie hielt den Atem an. Noch immer nichts.
„Wo ist der erste Stern?", fragte sie mit ganz leiser Stimme. „Er kommt doch immer. Was, wenn er ihn heute vergessen hat? Was, wenn ihm etwas zugestoßen ist? Was, wenn er gar nicht mehr zurückkommt?" Ihre Beine begannen zu zittern, und das Licht ihres kleinen Horns flackerte, wie es immer tat, wenn sie sich Sorgen machte.
Besorgt trabte sie den Hügel wieder hinab und über die Wiese, um ihre Großmutter zu suchen, ein altes Einhorn namens Sela, deren Horn warm und golden leuchtete wie eine Laterne, die man in einem Fenster brennen lässt. „Großmutter", sagte Lumi, „der erste Stern ist zu spät. Etwas stimmt nicht, ich weiß es genau. Ich glaube, ich kann nicht schlafen — nie mehr —, bevor ich ihn sehe."
Sela senkte ihren großen, sanften Kopf und berührte mit der Nase behutsam Lumis Nase. „Komm, leg dich zu mir", sagte sie, „und wir warten gemeinsam. Aber lass mich dir beim Warten ein Geheimnis über die Sterne verraten — ein Geheimnis, das meine eigene Großmutter mir verriet, in einer Nacht wie dieser, als ich so klein und so besorgt war wie du jetzt."
Lumi faltete ihre dünnen Beine und legte sich in das schimmernde Gras, warm an die Seite ihrer Großmutter geschmiegt, wo sie das langsame, gleichmäßige Heben und Senken von Selas Atem spüren konnte.
„Die Sterne sind nicht zu spät", sagte Sela sanft. „Sie sind immer da — jeder einzelne von ihnen, den ganzen Tag lang, sogar mittags, wenn die Sonne am allerhellsten ist. Du kannst sie nur noch nicht sehen. Der Himmel muss erst dunkel genug und still genug werden, und dann zeigen sie sich, einer nach dem anderen. Sie vergessen es nie. Sie gehen nie verloren. Sie warten nur auf den richtigen Augenblick — genau so, wie du Nacht für Nacht darauf wartest, einzuschlafen."
„Sie sind gerade jetzt da?", flüsterte Lumi mit großen Augen. „Auch wenn der Himmel ganz leer aussieht?"
„Gerade dann", sagte Sela. „Hör zu, meine Kleine. Die Dinge, die wir am meisten lieben, verschwinden nicht, nur weil wir sie nicht sehen können. Die Sonne ist noch da, hinter den Hügeln, und wärmt die andere Seite der Welt. Die Blumen sind noch da im Dunkeln, fest zusammengefaltet, und bewahren ihre Farben sicher bis zum Morgen. Deine Mutter und dein Vater schlafen gleich hinter der Anhöhe und lieben dich in jedem Augenblick, selbst mit geschlossenen Augen. Und der erste Stern — der erste Stern ist schon an seinem Platz, hoch über uns, genau dort, wo er immer gewesen ist, und wartet nur, dass der Himmel für ihn bereit ist."
Lumi dachte lange darüber nach. Sie blickte hinauf in den weiten dunklen Himmel, und langsam fühlte er sich gar nicht mehr so leer an. Stattdessen fühlte er sich voller Sterne an, die sich einfach noch nicht gezeigt hatten — ein ganzer, riesiger Himmel, der den Atem anhielt und sich still bereit machte und sein Licht sicher bewahrte, bis der Augenblick der richtige war.
Und dann, hoch über der Wiese, blinzelte ein einzelner Lichtpunkt sanft auf. Silbern und ruhig und hell.
„Da", hauchte Lumi, und ihr ganzes Herz hob sich. „Da ist er!"
„Da ist er", stimmte Sela warm zu. „Siehst du? Er hat dich nie vergessen. Keinen einzigen Augenblick. Er brauchte nur, dass das Dunkel bereit ist — und jetzt ist das Dunkel bereit, und hier ist er, genau dort, wo er immer war."
Während Lumi hinsah, erschien ein zweiter Stern neben dem ersten, dann ein dritter, und dann mehr und mehr, als sie je zu zählen hoffen könnte, bis der ganze Himmel über der Sternblütenweite von einem Ende zum anderen mit weichem, schimmerndem Licht übersät war, jeder kleine Stern so warm und gewiss wie ein gehaltenes Versprechen.
Lumis Augen wurden schwer. Ihr kleines Horn dämmte sich zum sanftesten Glimmen herunter, wie eine Kerze, die niedrig brennt. „Sie sind alle zurückgekommen", murmelte sie.
„Das tun sie immer", sagte ihre Großmutter und legte eine warme Flanke um sie. „Und der Morgen auch, jeden einzelnen Tag. Und alle, die dich lieben, auch. Auf manche Dinge musst du niemals warten und wachen, meine Kleine. Du kannst die Augen schließen und tief in dir darauf vertrauen, dass sie da sein werden."
Und warm an Selas Seite geschmiegt, unter einem Himmel, der die ganze Zeit voller wartender Sterne gewesen war, ließ Lumi endlich die Augen zufallen. Sie musste nicht länger Wache halten. Der erste Stern war gekommen, so wie er es immer tun würde und immer getan hatte — und irgendwo weit hinter dem Dunkel, geduldig und gewiss, war der Morgen schon unterwegs.
Aus der Welt Landorya: Starbloom Reach