Die singende Höhle
Eine Fünf-Minuten-Geschichte aus Landorya
Am Rand des Kristallturmwaldes, wo große Kristallsäulen kerzengerade wie gefrorene Türme aus dem Boden wuchsen und ganz leise summten, sobald ein Lüftchen hindurchstrich, gingen zwei junge Freunde namens Mira und Jun an einem hellen, goldenen Nachmittag auf Entdeckungsreise.
Sie hatten von den älteren Kindern ein Gerücht gehört — ein wunderbares, unglaubliches, viel-zu-schön-um-wahr-zu-sein-Gerücht. Irgendwo tief im Kristallwald, hieß es, gebe es eine Höhle, die singen könne. Nicht bloß ein Echo. Nicht bloß das Pfeifen des Windes. Ein echtes Lied, ganz aus Kristall gemacht, schöner als alles, was man in seinem ganzen Leben je gehört hatte. Aber hier kam das Seltsame: Niemand, den sie kannten, hatte es je tatsächlich zu hören bekommen. Alle hatten davon gehört. Niemand hatte es gehört.
Mira und Jun suchten den ganzen Nachmittag, zwängten sich seitlich zwischen den hohen Kristallspitzen hindurch, duckten sich unter glitzernden Vorsprüngen und folgten den kleinen Regenbogen, die das Licht über den Boden warf. Und schließlich, gerade als die Sonne tiefer zu sinken begann, fanden sie sie: eine niedrige, runde Öffnung in einem moosigen Hügel, ringsum umringt von glitzernden blau-violetten Kristallen, die das Nachmittagslicht einfingen und kleine tanzende Regenbogen über die Wände im Inneren streuten.
„Das muss sie sein! Das muss sie einfach sein!", rief Jun, und ohne auch nur eine halbe Sekunde zu warten, stürmte er geradewegs hinein. „Sing! Sing, Höhle, komm schon, sing!", brüllte er aus vollem Halse. Er klatschte, so fest er konnte, in die Hände. Er stampfte mit den Füßen auf den Steinboden. Er johlte und jauchzte und schlug zwei Kristalle aneinander und wartete und wartete darauf, dass das schöne Lied hervorströmte.
Aber die Höhle blieb vollkommen stumm.
„Es funktioniert nicht", sagte Jun, und seine Schultern sackten enttäuscht herab. „Vielleicht war das Gerücht ja gar nicht wahr. Vielleicht gibt es überhaupt kein Lied." Und er legte die Hände wie einen Trichter um den Mund und rief noch einmal, lauter als je zuvor. Immer noch war da nichts — nichts als der Klang seiner eigenen Stimme, der flach vom kalten Stein zurückprallte.
Mira aber hatte ganz still dagestanden, und ihr war etwas aufgefallen. Jedes einzelne Mal, wenn Jun rief oder klatschte oder stampfte, blieben die kleinen Kristalle an den Wänden matt und dunkel und grau. Sie streckte die Hand aus und legte sie ganz sanft auf seinen Arm. „Jun", flüsterte sie — und sie machte ihr Flüstern so leise, wie sie nur irgend konnte. „Warte. Lass uns etwas anderes versuchen. Lass uns still sein. Wirklich, wahrhaftig, vollkommen still. Ich glaube, die Höhle kann nicht über all unseren Lärm hinweg singen."
Jun sah sie an, und dann nickte er langsam. Also setzten sich die beiden gemeinsam auf den kühlen, glatten Höhlenboden und wurden still. Sie hörten auf zu rufen. Sie hörten auf zu klatschen und zu stampfen und zu zappeln. Sie legten die Hände in den Schoß. Sie machten sogar ihren eigenen Atem leise, bis er langsam und weich und ruhig war — bis das einzige Geräusch irgendwo in der ganzen Höhle das sanfte Tropfen ... Tropfen ... Tropfen von Wasser war, irgendwo weit hinten im Dunkeln.
Und sie warteten.
Zuerst war da überhaupt nichts. Miras Nase juckte, aber sie kratzte sich nicht. Jun wollte flüstern, aber er tat es nicht. Und dann — so leise und so weit entfernt, dass Mira ganz sicher war, sie bilde es sich nur ein — kam ein einzelner, reiner, silberner Ton. Er schien sanft aus den Kristallen selbst emporzusummen, klar wie eine Glocke und warm wie ein Strahl Sonnenlicht. Dann stieg ein zweiter Ton auf, um sich dem ersten zu gesellen, und dann ein dritter, und dann mehr und mehr, bis die ganze Höhle sanft von einer langsamen, sich entfaltenden Melodie erklang und schimmerte — jeder Kristall sang seinen eigenen kleinen, vollkommenen Part, und alle zusammen woben ein Lied, schöner, als es sich eines der beiden Kinder auch nur erträumt hätte. Und während sie sangen, begannen die Kristalle zu glühen, sanftes Blau und tiefes Violett und warmes Gold, und erfüllten die ganze Höhle mit tanzendem, treibendem Licht.
Mira und Jun rührten keinen Muskel. Sie gaben keinen einzigen Laut von sich. Sie saßen nur da, mit großen Augen und offenem Herzen, mitten im Gesang, und ließen ihn über sich und rings um sich strömen wie warmes Wasser.
Schließlich, ganz sanft, verklang das Lied wieder in Stille. Jun wandte sich Mira zu, seine Augen leuchteten hell im verblassenden Glühen. „Es war echt", hauchte er. „Es war wirklich, wahrhaftig echt. Aber — warum hat sie vorher nicht gesungen, als ich sie darum gebeten habe?"
„Ich glaube", sagte Mira langsam und dachte laut, während sie sprach, „ich glaube, die Höhle hat die ganze Zeit gesungen. Schon bevor wir kamen. Wir konnten sie nur nicht hören, weil wir zu beschäftigt damit waren, laut darüber hinweg zu sein. Sie singt nur für Menschen, die still genug sind, um zu lauschen."
Jun nickte langsam und dachte an all die Male in seinem Leben, die er gehetzt und gerufen und lärmend an Dingen vorbeigeeilt war, ohne je innezuhalten. „Es gibt wahrscheinlich jede Menge wunderbare Dinge rings um uns her", sagte er leise, „die wir jeden einzelnen Tag verpassen — nur weil wir zu laut sind, um sie je zu bemerken."
Die beiden Freunde saßen noch eine gute Weile in der sanft glühenden Höhle, still und zufrieden, und lauschten dem leisen Tropfen des Wassers und dem schwachen, nachklingenden Summen der Kristalle. Dann standen sie auf und gingen gemeinsam durch den Kristallwald nach Hause — langsamer als zuvor und leiser. Und den ganzen Weg über hörten sie, jetzt, da sie endlich wirklich lauschten, allerlei kleine und liebliche und geheime Dinge, die sie in ihrem ganzen Leben zuvor nie bemerkt hatten.
Aus der Welt Landorya: The Crystal Spire Forest