Luca und Brassspark Acoustic

Der Wind hatte schon den ganzen Nachmittag gezogen, aber jetzt — jetzt blies er wirklich. Luca lief mit Klipp durch das Silbergrasgefilde am Rande von Landorya, als der Himmel auf einmal eine andere Farbe bekam. Nicht mehr das sanfte Orange des späten Tages, sondern ein tiefes, rollendes Grau, das sich wie eine riesige Decke von den Bergen her schob. Klipp blieb stehen. Sein breiter Rücken stellte sich auf, und Luca spürte es sofort — ein warmes Kribbeln in der Brust, das sagte: Achtung. Die beiden verstanden sich so, ohne ein einziges Wort, Herz an Herz, wie zwei Töne, die zusammen einen Klang ergeben. Dann traf der erste Donnerschlag. BUMM. Er rollte so tief durch die Erde, dass Luca die Zähne kitzelte. Klipp legte seine große, schwere Hand auf Lucas Schulter — sanft, aber fest — und dann brach der Sturm los. Der Regen kam nicht langsam. Er kam auf einmal, als hätte jemand einen riesigen Eimer umgekippt. Luca riss sein Cape über den Kopf. Klipp kauerte sich zusammen, seine breiten Schultern wurden zu einem kleinen Dach, aber der Wind pfiff so scharf, dass das Silbergras flach auf den Boden gedrückt wurde wie nasse Haare. "Wir brauchen Schutz!", rief Luca gegen den Wind. Er sah sich um. Rechts — nichts als Gras und Regen. Links — ein Hügel, der sich im Grau auflöste. Und geradeaus? Geradeaus stand, kaum zu erkennen, eine alte Steinbrücke. Und unter ihr — ja! — ein Gewölbe, dunkel und trocken. Klipp sah es auch. Luca fühlte es an dem kleinen Ruck, den der Gorilla nach vorne machte, und dann rannten sie. Lucas Sneakers platschten durch Pfützen, Klipp sprang in großen, federnden Sätzen neben ihm her, und der Regen peitschte ihnen ins Gesicht wie hundert kleine Finger. Sie erreichten die Brücke. Keuchend, tropfnass, aber — drinnen. Das Gewölbe war dunkel und roch nach altem Stein und Moos. Draußen tobte der Sturm weiter, das Wasser schoss in Rinnsalen an den Seiten herunter, und der Donner grollte, als wäre er sehr, sehr böse auf irgendjemanden. Aber hier drinnen? Hier war es still. Luca schüttelte das Wasser aus seinem Haar. Klipp schüttelte sich auch — und das war so laut und so gründlich, dass Luca trotz allem lachen musste. Dann hörten sie ein Geräusch. Kein Donner. Kein Regen. Ein leises, klapperndes Geräusch, wie wenn jemand mit kleinen Zähnen klappert. In der dunkelsten Ecke des Gewölbes kauerte eine Gestalt. Klein, in einen hellen Umhang gewickelt, mit einem Gürtel voller kleiner Röhren und Trichter. Die Gestalt zitterte. "Hallo?", sagte Luca vorsichtig. Die Gestalt fuhr hoch. Zwei große Augen blinzelten ihn an. Es war ein Gnom — ein kleiner Kerl mit abstehenden Ohren und einer Nase wie ein Knopf. Auf seiner Jacke standen in winziger Schrift die Buchstaben: B.A. "Funkenfunken!", rief er und schnappte nach Luft. "Ihr habt mich erschreckt! Ich dachte, ihr wärt der Sturm persönlich!" "Wir sind nur Luca und Klipp", sagte Luca. Der Gnom entspannte sich ein kleines bisschen. "Brassius", sagte er und reichte eine zitternde Hand. "Aber meine Freunde sagen Blitz-Bass. Ich bin Klangbauer. Und das da draußen..." Er zeigte auf den Eingang, wo der Regen immer noch rauschte. "...das ist eine Katastrophe." "Weil du nass bist?", fragte Luca. "Weil mein Messingtrichter weg ist!" Blitz-Bass wühlte in seiner Jacke herum und zog eine zerknitterte Zeichnung heraus. Darauf war ein wundersames Ding zu sehen: ein langer Trichter aus Messing, mit kleinen Löchern und Windklappen, der den Klang des Winds einfangen und in Musik verwandeln sollte. "Ich hab ihn heute Morgen auf dem Hügel aufgestellt, um den Sturm aufzunehmen — Sturmmusik ist das Schönste, was es gibt! Aber dann kam er früher als gedacht, und ich bin gerannt, und jetzt liegt der Trichter irgendwo da draußen und wird vielleicht platt gedrückt von einem Ast oder weggeschwemmt von dem Regen und dann ist alles futsch und ich hab zwei Jahre daran gebaut und—" Er holte tief Luft. Lucas Herz machte einen kleinen Sprung. Zwei Jahre. Das war für Luca fast sein halbes Leben. "Wo hast du ihn hingestellt?", fragte er. Blitz-Bass blinzelte. "Auf dem Hügelrücken. Aber da draußen ist es—" "Zeig mir die Zeichnung nochmal." Luca studierte das Bild. Der Hügel war nicht weit — er hatte ihn vorhin noch gesehen, links, bevor das Grau ihn verschluckt hatte. Und wenn der Trichter auf dem Rücken stand, dann stand er vielleicht noch. Vielleicht. Er schaute zu Klipp. Klipp schaute zurück. Ruhig. Groß. Sein Atem ging gleichmäßig, als wäre der Sturm da draußen nur ein bisschen lauter als normal. Und dann — ganz langsam — nickte er. Luca setzte das Cape auf. "Wir holen ihn." "Aber—!" Blitz-Bass machte einen Schritt nach vorne, aber Luca war schon los. Der Sturm traf ihn wie eine Wand. Der Wind zerrte an seinem Cape, der Regen stach ins Gesicht, und der Donner grollte so laut, dass Luca die Luft aus den Lungen wich. Aber Klipp war direkt neben ihm, und sein warmer, massiver Körper war wie ein Fels — der Wind mochte an Klipp zerren so viel er wollte, Klipp rührte sich keinen Zentimeter. Sie kämpften sich den Hügel hoch. Schritt für Schritt. Lucas Beine wurden schwer wie Steine. Und dann — da war er. Der Messingtrichter stand noch. Schief, ein bisschen verbogen, aber er stand. Er sang sogar — der Wind fuhr durch seine Löcher und machte ein tiefes, summendes WUUUMM, das Luca von innen kitzelte. Er griff zu. Hielt fest. Zog. Der Trichter wollte nicht. Der Wind wollte ihn behalten. Klipp legte seine Hände über Lucas Hände — zwei große, warme Hände über zwei kleine — und zusammen zogen sie. Der Trichter löste sich mit einem lauten PLOPP aus dem Boden. Und dann rannten sie wieder, den Hügel hinunter, durch den Regen, zurück unter die Brücke — und Luca legte den Trichter in Blitz-Bass' zitternde Arme. Der Gnom sagte erst gar nichts. Er hielt den Trichter nur fest und schloss die Augen. Dann machte er ein Geräusch, das irgendwo zwischen Lachen und Schluchzen lag. "Er klingt noch", flüsterte er. "Hörst du das? Er klingt noch." Luca hörte es. Das WUUUMM war leiser hier drinnen, aber es war da — ein tiefes Summen, das durch den Stein der Brücke ging, durch den Boden, bis in Lucas Füße. Sie warteten gemeinsam, bis der Sturm nachließ. Blitz-Bass spielte ihnen auf dem Trichter die ersten Töne seiner Sturmmelodie vor. Klipp schloss die Augen und wippte ein winziges bisschen hin und her. Luca lehnte an dem warmen Fell seines großen Freundes und lauschte. Irgendwann hörte der Regen auf. Der Himmel wurde heller. Ein goldenes Licht sickerte durch das Ende des Gewölbes, und draußen funkelten die Regentropfen auf dem Silbergras wie tausend kleine Sterne. Blitz-Bass schnappte seinen Trichter. "Ich muss das aufschreiben, solange ich es noch im Ohr habe!" Er war schon fast weg, als er sich noch einmal umdrehte. "Danke", sagte er. Einfach so. Und dann lief er davon, seine kleinen Beine wirbelten, und er summte dabei so laut, dass man ihn noch hören konnte, als er schon längst hinter dem nächsten Hügel verschwunden war. Luca stand in dem goldenen Licht nach dem Sturm. Er schaute auf seine Hände. Nass, ein bisschen dreckig. Aber sie hatten festgehalten, als es drauf ankam. Klipp legte sich neben ihn ins Gras — ein weiches, tiefes WUMM, als sein großer Körper landete — und Luca kuschelte sich an seine Seite, warm und sicher. Das Silbergras roch nach Regen und frischer Erde. Irgendwo in der Ferne spielte jemand auf einem Messingtrichter. Und Luca schloss die Augen. Gute Nacht, kleiner Held. Du hast heute festgehalten. Das ist genug.

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