Luca und Crystallis Veinhart (Elementals, Ley-Line Cartographer and Crystal Resonance Tuner)
Blick in die alte ZeitCrystallis Veinhart (Elementals, Ley-Line Cartographer and Crystal Resonance Tuner)
Luca rannte.
Die Stiefel knirschten auf einem Boden aus altem, silbergrauem Stein, und Klipp trabte neben ihm her — so groß, dass sein Atem kleine Wolken in der kühlen Luft der Tiefe hinterließ. Die Fackeln an den Wänden flackerten, als wären sie froh, dass endlich jemand da war.
Sie befanden sich im Herz von Landorya, ganz tief unter der Erde, wo die alten Dinge schliefen.
Luca hatte die Treppe hinuntergestürmt, weil er einen Schimmer gesehen hatte — ein goldenes Leuchten, das durch einen Spalt in den Felsen drang. Er wollte wissen, was es war. Er musste es einfach wissen.
Aber jetzt, hier unten, war es dunkler.
Viel dunkler.
Die Fackeln wurden weniger. Der Gang wurde enger. Irgendwo tropfte Wasser, ganz langsam, trop, trop, trop — und das Echo hallte so seltsam, dass es klang, als käme es von überall gleichzeitig.
Luca verlangsamte seine Schritte.
Klipp legte eine seiner riesigen, warmen Hände auf Lucas Schulter — sanft, wie ein Decke die sich um einen schmiegt. Kein Wort, aber Luca spürte es sofort: ein weiches, ruhiges Pochen, direkt am Herzen. Als würde jemand sagen: Ich bin hier. Ich gehe nirgendwo hin. Das war die Art, wie Klipp und Luca miteinander sprachen — nicht mit Worten, sondern so, wie Wärme durch Stoff geht.
Trotzdem.
Luca blieb stehen.
Vor ihm war ein Durchgang, kaum breiter als eine Tür. Dahinter war es schwarz. Kein bisschen Licht. Und aus dieser Schwärze kam ein leises, tiefes Summen — wie ein schläfriges Tier, das man lieber nicht wecken wollte.
"Ich bin nicht ängstlich", sagte Luca.
Er sagte es zu laut.
Klipp schaute ihn an, mit diesen großen dunklen Augen, und in Lucas Brust kribbelte etwas — ein kleines ehrliches Kribbeln, das sich anfühlte wie: Doch. Ein bisschen.
Luca schluckte. "Okay. Vielleicht ein kleines bisschen."
Er setzte sich auf einen Stein neben dem Eingang und schaute in die Dunkelheit. Was war da drin? Der Schimmer war von dort gekommen — er war sicher. Aber jetzt sah er nichts mehr.
Und dann hörte er etwas anderes.
Ein Rascheln. Ganz leise. Und dann ein Seufzen.
Lucas Augen wurden groß. Klipp stand kerzengerade, die Nüstern bebten — aber er knurrte nicht. Er war nur wachsam. Das bedeutete: Keine Gefahr. Nur etwas Unbekanntes.
Luca räusperte sich. "Hallo?"
Stille.
Dann, sehr vorsichtig, antwortete eine Stimme — alt wie der Stein selbst, aber nicht bedrohlich. Eher überrascht. "Wer ist da? Ich habe seit sehr langer Zeit keinen Besuch gehabt."
Aus dem Dunkel schälte sich eine Gestalt. Zuerst sah Luca nur die Augen — zwei helle, goldene Punkte, wie Kerzen hinter dickem Glas. Dann, als die Gestalt näher kam, erkannte er mehr: ein langer Umhang aus tausend kleinen Steinschuppen, ein Gesicht so faltig wie eine alte Landkarte, und auf dem Kopf eine seltsame Mütze, aus der kleine Kristalle wuchsen wie Zweige.
"Ich bin Kristallbart", sagte die Gestalt und verbeugte sich umständlich. "Kartograph der Leylinien, Abstimmer der Kristallresonanzen, Hüter dieser alten Gänge. Und wer bist du, kleiner Held?"
Luca stand auf. "Ich bin Luca. Und das ist Klipp."
Klipp nickte würdevoll. Dabei bogen sich die Steinplatten am Boden leicht unter seinen Füßen.
Kristallbart kniff die goldenen Augen zusammen. "Ihr seid dem Licht gefolgt?"
"Ja", sagte Luca. "Was war das?"
Der alte Kartograph drehte sich um und winkte sie herein. "Kommt mit. Aber — seid ihr sicher? Es ist dunkel hier drin. Die meisten drehen um, wenn sie diesen Gang sehen."
Luca schaute in die Schwärze. Sein Herz klopfte schnell.
Aber dann spürte er etwas Warmes an seiner Seite — Klipps Arm, der sich ganz leicht gegen ihn drückte. Kein Schubs, kein Drängen. Nur: Ich bin dabei. Ganz egal.
Luca trat einen Schritt in den Durchgang.
Es war dunkel. Ja. Aber der Boden war fest. Und Klipp war groß genug, dass sein Atem schon fast wie eine kleine Laterne war.
Noch ein Schritt.
Und noch einer.
Und dann — oh.
Der Gang öffnete sich in einen riesigen Saal. Und der Saal war voller Licht.
Nicht Fackel-Licht. Nein — die Wände selbst leuchteten. Tausende und abertausende von Kristallen, eingegraben im Fels, glühten in allen Farben, die Luca je gesehen hatte, und in einigen, die er noch nie gesehen hatte. Blau wie tiefer Sommerhimmel. Grün wie das Moos am Bach. Orange wie der erste Bissen heißer Suppe im Winter.
Luca stand mit offenem Mund.
"Das ist —", begann er.
"Die Schatzkammer der alten Zeit", sagte Kristallbart leise, und in seiner Stimme lag etwas sehr Weiches. "Jeder dieser Kristalle trägt eine Erinnerung. Einen Moment aus Landoryas Geschichte — aufbewahrt für immer, damit er nicht verloren geht."
Er führte Luca zu einem Kristall, der violett leuchtete wie ein Abendgewitter.
"Dieser hier", sagte der alte Kartograph, "zeigt das erste Mal, dass jemand durch diesen Gang gegangen ist, obwohl er Angst hatte." Er machte eine Pause. "Genau wie du, gerade eben."
Luca blinzelte. "Wirklich?"
"Wirklich." Kristallbart legte eine faltige Hand auf den Kristall, und für einen Herzschlag pulsierte er heller. "Siehst du — das hier wird auch von dir aufbewahrt. Dieser Schritt. Dieses kleine Mutigsein."
Luca schaute auf seine Hände.
Er hatte sie nicht einmal gezittert gespürt. Irgendwann, zwischen dem ersten Schritt und dem zweiten, hatte das Zittern einfach aufgehört.
Klipp setzte sich neben ihn — so sanft, dass kaum ein Laut entstand — und der warme, schwere Druck an Lucas Seite war wie ein Anker. Gut. Sicher. Hier.
Kristallbart zeigte ihnen noch viele Kristalle. Den, der nach nassen Steinen roch. Den, der beim Anfassen summte wie eine schlafrige Biene. Und den allerletzten, ganz hinten, der aussah wie ein Sternenhaufen in einer Seifenblase.
"Was ist der?", fragte Luca und gähnte dabei — er wusste selbst nicht warum.
"Das ist der, der noch nicht fertig ist", sagte Kristallbart mit einem kleinen Lächeln. "Der wartet auf jemanden, der noch etwas Mutiges tut. Irgendjemanden."
Er zwinkerte.
Und Lucas Augen wurden schwer.
Die Kristalle summten leise. Klipp legte sich lang hin, und Luca kuschelte sich in das warme Fell an seiner Seite, mitten im leuchtenden Saal, umgeben von tausend Erinnerungen.
"Kristallbart?", murmelte Luca schläfrig.
"Hm?"
"Darf ich wiederkommen?"
Der alte Kartograph lachte — ein leises, knisterndes Lachen wie Seiten in einem alten Buch. "Der Gang wartet immer. Und du weißt jetzt ja, dass es auf der anderen Seite hell ist."
Luca nickte einmal, ganz langsam.
Und schlief ein.
Gute Nacht, kleiner Held.
Du hast heute einen Schritt gemacht, auch wenn er sich groß anfühlte.
Das merkt sich Landorya.
Das merkt sich Klipp.
Und das darfst du morgen früh noch einmal fühlen, wenn du aufwachst.
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