Luca und Ember The Orphan
Luca rannte durch den Silberwald von Landorya, Otti und Wolfi an seiner Seite — der kleine Otter plätscherte neben ihm durch das leuchtende Moos, und der große Wolf trottete ruhig, aber wachsam, dicht an seiner Schulter.
Die Bäume hier hatten silberne Rinde, die im Dämmerlicht wie Mondscherben glitzerte, und zwischen den Wurzeln wuchsen Pilze in leuchtendem Blau. Luca wusste genau, wohin er wollte: Der Weg führte zur Klangbrücke, einer Brücke aus geflochtenem Licht, die man nur einmal im Jahr überqueren konnte. Alle sagten, wer sie betrat, wenn die Sterne zum ersten Mal aufleuchteten, würde etwas Wunderbares erleben.
Luca wollte das sehen. Unbedingt.
Aber dann blieb er stehen.
Vor ihm saß, mitten auf dem Weg, jemand im weichen Gras — zusammengekauert wie ein Knoten. Es war ein Mädchen mit Drachenschwingen, die eigentlich leuchtend orangerot hätten sein sollen, aber jetzt hingen sie grau und schwer herunter, wie nasse Wäsche im Regen.
Otti schmiegte sich warm an Lucas Bein. Es war, als ob ein kleines Kribbeln von Otters Fell in seine Hände wanderte — ein Kribbeln, das sagte: Schau hin. Da ist jemand, dem es nicht gut geht.
Luca näherte sich langsam.
"Hallo?", rief er, nicht zu laut.
Das Mädchen hob den Kopf. Ihre Augen waren rot gerändert. "Ich bin Ember", sagte sie mit einer Stimme, die sich anhörte wie Regen auf Stein. "Ich wollte heute die Klangbrücke überqueren. Ich habe den ganzen Tag darauf gewartet. Den ganzen, ganzen Tag."
Luca setzte sich neben sie ins Moos. "Und? Was ist passiert?"
Ember zog die Knie an die Brust. "Die Brücke leuchtet nur, wenn alle drei Sternenfeuer gleichzeitig brennen. Aber das dritte Feuer — das durfte heute nicht angezündet werden. Die Hüterin hat es gesagt. Sie sagt, es ist noch nicht Zeit." Ihre Schwingen zitterten. "Das ist so unfair. Ich habe gewartet! Ich habe mich so sehr darauf gefreut. Und jetzt — nichts."
Ihre Stimme brach, und Luca merkte, wie ihm selbst etwas in der Brust enger wurde. Er kannte dieses Gefühl. Dieses Gefühl, wenn man sich auf etwas gefreut hat, so sehr, so lange — und dann geht es einfach nicht. Und man weiß nicht wohin mit dem ganzen Warten, das man schon in sich drin hatte.
Wolfi legte seinen großen Kopf in Lucas Schoß. Schwer und warm, wie ein Stein, der in der Sonne gelegen hat. Luca spürte, wie sich seine Schultern ein kleines bisschen senkten.
"Das ist wirklich blöd", sagte Luca ehrlich. "Wenn man sich so drauf gefreut hat, und dann darf man nicht — das tut richtig weh."
Ember schaute ihn an. "Du verstehst das?"
"Ja", sagte Luca. Und er meinte es so.
Eine Weile saßen sie einfach da. Otti tauchte seinen kleinen Schwanz ins Gras und schaute zum Himmel. Dann — plötzlich — sprang er auf und rannte los. Er verschwand zwischen den silbernen Stämmen, und Luca rief: "Otti! Wo willst du hin?"
Keine Antwort. Nur das Rascheln von Blättern.
Luca und Ember standen auf und folgten ihm, weil man einem Otter einfach folgen muss, wenn er so entschlossen losrennt.
Otti führte sie einen kleinen Hügel hinauf, durch ein Dickicht aus glühenden Farnwedeln, die warm leuchteten wie Kerzen — und dann standen sie oben, und Luca hörte Ember scharf einatmen.
Dort unten, im Tal, lag ein See. Und auf dem See spiegelten sich die Sterne — alle Sterne gleichzeitig, als hätte jemand den ganzen Himmel umgekippt und ins Wasser gelegt. Es war nicht die Klangbrücke. Es war ganz etwas anderes. Aber es war so schön, dass Luca vergaß zu blinzeln.
"Der Spiegelsee", flüsterte Ember. "Den habe ich noch nie gesehen. Er zeigt sich nur, wenn ... wenn jemand weint und trotzdem weiterläuft."
Wolfi trottete an Embers Seite und stupste sie sanft mit der Schnauze an der Schulter. Ember streckte zögernd die Hand aus und legte sie in sein silbergraues Fell.
"Ich habe so geweint", sagte sie leise.
"Und du bist trotzdem aufgestanden", sagte Luca.
Ember sah ihn an. Dann sah sie auf den See. Dann auf ihre Flügel — und ganz langsam, wie beim ersten Sonnenstrahl nach langer Nacht, begann an einem Rand eine einzige Feder orangerot zu leuchten.
Nur eine.
Aber sie leuchtete.
"Darf ich morgen wieder versuchen, zur Klangbrücke zu gehen?", fragte Ember, mehr sich selbst als Luca.
"Die Sterne brennen morgen wieder", sagte Luca. "Und übermorgen. Und überübermorgen."
Ember lachte — ein kleines, ein bisschen schniefendes Lachen, aber ein echtes.
Sie blieben noch lange am Spiegelsee sitzen, bis der Himmel von Landorya sich in tiefes Blauviolett einfärbte und die ersten Glühwürmchen wie kleine Funken über das Wasser tanzten.
Irgendwann, auf dem Heimweg durch den Silberwald, trippelte Otti so komisch seitlich über eine Baumwurzel und fiel plumps auf den Bauch, dass Luca und Ember losprusten mussten — und Otti schaute so beleidigt, wie nur ein Otter beleidigt schauen kann.
Wolfi schüttelte würdevoll den Kopf, als hätte er mit dieser ganzen Plumperei nichts zu tun.
"Gute Nacht, Luca", sagte Ember, als ihre Wege sich trennten. "Danke, dass du dich gesetzt hast."
Luca winkte ihr nach.
Und dann, in der warmen Stille des Silberwalds, mit Otti trocken und zufrieden an seiner Schulter und Wolfis warmem Atem neben ihm, schloss Luca die Augen.
Manchmal wartet das Schönste einfach noch einen Tag.
Und das ist auch gut so.
Gute Nacht, Luca.
Du wirst gut schlafen heute Nacht.
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