Luca und Ramses Quicksand
Luca rannte durch den Flur des Hauses und strauchelte fast über seine eigenen Füße — aber das war nicht in Landorya.
In Landorya begann es mit einem Ruf.
Ein leises, dringendes Rauschen, wie wenn der Wind durch hohle Baumstämme pfeift. Luca hörte es sofort, noch bevor er richtig wach war. Er saß aufrecht in seinem kleinen Hängematten-Bett, mitten im Knorrigen-Ast-Dorf, wo die Häuser zwischen den Riesen-Eichen hingen wie bunte Lampions. Die Sterne draußen brannten hell und der Mond malte silberne Streifen über den Waldboden weit unten.
Klipp saß schon aufrecht neben ihm. Der große sanfte Gorilla, so groß wie ein kleines Haus, hatte seine breiten Hände auf die Knie gelegt und schaute Luca ruhig an. Die beiden brauchten keine Worte — das war schon immer so gewesen, als hätten ihre Herzen dieselbe Sprache. Klipp schickte einfach ein Gefühl: Ein kleines Kribbeln, warm und drängend zugleich. Jemand braucht dich.
Luca schlüpfte aus dem Bett.
Draußen auf dem Ast-Steg wartete Mira, ein kleines Glühwürmchen-Mädchen aus dem Nachbardorf. Ihre Flügel zitterten. Ihre Lichter flimmerten ängstlich gelb statt ihres üblichen sanften Grüns.
"Luca! Oh, Luca, ich hab dich überall gesucht!" Mira landete auf seiner Schulter, kaum größer als eine Tannenzapfen. "Ramses ist in der Lehmschlucht! Er wollte allein klettern und jetzt steckt er fest und der Schlamm steigt!"
Luca kannte Ramses. Jeder in Landorya kannte Ramses Schnellsand, den großen Rettungsspezialisten der Wüstenforscher, der schon hundert anderen geholfen hatte und selbst nie um Hilfe bat. Ein echter Held — aber manchmal so mutig, dass er vergaß, auf sich selbst aufzupassen.
"Wie lange hat er noch?" fragte Luca.
"Bis der Mond die große Eiche erreicht." Mira zeigte auf den Himmel.
Luca sah hoch. Der Mond war schon nah. Sehr nah.
"Dann müssen wir jetzt." Er drehte sich zu Klipp. Der Gorilla war schon aufgestanden, so groß und fest wie ein Fels, und beugte sich vor — eine Einladung. Luca kletterte auf Klipps breiten Rücken und hielt sich am dichten Fell fest. Klipps Wärme war wie eine Umarmung, die man spüren konnte, ohne dass jemand etwas sagen musste.
Sie rasten los.
Klipp schwang sich von Ast zu Ast, durch Mondlichtstreifen und Schatten, die Äste bogen sich unter ihm wie biegsame Brücken. Der Fahrtwind zerrte an Lucas Haaren. Mira flog voraus, ihr Licht ein grüner Funkenpfad in der Dunkelheit.
Die Lehmschlucht war ein Ort, den die meisten mieden. Ein tiefer, enger Graben im Herzen des Waldgürtels, wo nach dem Regen der Boden weich wurde wie frischer Teig. Wunderschön anzusehen — schimmernd, rotbraun und glatt — aber tückisch für jeden, der zu schwer oder zu hastig hineintrat.
Als Luca und Klipp ankamen, sahen sie ihn sofort.
Ramses Schnellsand steckte bis zu den Hüften im Schlamm. Er war groß und breit, mit einem verbeulten Lederhelm und einem roten Schal, der jetzt dreckig-braun war. Er versuchte, sich herauszuziehen — aber jedes Mal, wenn er sich bewegte, sank er ein kleines Stück tiefer.
"Ramses!" rief Luca.
Der Mann hob den Kopf. Unter dem Helmsturz war sein Gesicht müde und ein bisschen beschämt. "Kleiner Luca. Ich hatte... ich dachte, ich schaff das allein."
Klipp ließ Luca von seinem Rücken gleiten und kniete sich an den Rand der Schlucht. Der Gorilla legte seine riesigen Handflächen flach auf den Boden — so breit und schwer, dass der Rand des Schlamms sich ein kleines bisschen festigte, aufhörte zu zittern. Ein leises Knacken, dann Stille. Als hätte Klipp dem Boden gesagt: Ruhig, jetzt.
Luca schaute sich um. Da — ein langer, starker Ast, halb verborgen unter Moos. Er zog ihn hervor. Nicht ganz lang genug. Er schaute wieder. Noch ein Ast, dünner, aber biegsam. Er band sie mit dem Schal — seinem eigenen kleinen Schal, den er immer dabei hatte — zusammen. Die Hände zitterten ihm ein bisschen. Er atmete tief durch.
Klipp schickte ihm etwas Warmes, ganz leise, wie eine Hand auf der Schulter.
Du weißt, wie das geht.
Luca reichte Ramses das Ende des langen Astes.
"Halte fest. Aber nicht reißen, nur ziehen. Gleichmäßig."
Ramses griff zu. Luca stellte sich mit den Füßen breit, stemmte sich gegen einen Wurzelvorsprung. Klipp legte eine Hand auf Lucas Schulter — stützte ihn, aber zog nicht selbst. Das war Lucas Aufgabe.
Langsam, mit einem leisen schlürfenden Geräusch, begann Ramses sich zu bewegen. Ein bisschen. Noch ein bisschen. Luca knirschte die Zähne. Seine Arme brannten.
Dann, mit einem lauten Schmatzen, löste sich der Schlamm los, und Ramses Schnellsand landete keuchend am trockenen Rand der Schlucht.
Eine Sekunde Stille.
Dann lachte Mira so laut, dass ihr Licht wie ein Feuerwerk aufflackerte.
Ramses rollte sich auf den Rücken, schaute in den Sternenhimmel und lachte dann selbst — ein tiefes, ehrliches Lachen. "Das war... das war meine Schwäche, kleiner Luca. Ich mag anderen helfen, aber mich selbst schützen? Das vergesse ich immer."
Luca setzte sich neben ihn in das Gras. Klipp ließ sich mit einem sanften Rumms dahinter nieder, und der Boden zitterte ein kleines bisschen.
"Warum hast du nicht gerufen?" fragte Luca leise.
Ramses zog den Helm ab. Er schwieg einen Moment. "Weil ich dachte, ich müsste alles allein können. Und dann, als ich steckte... da schämte ich mich zu sehr." Er schaute Luca an. "Aber du bist gekommen. Obwohl du gar nicht musstest."
Luca sagte nichts. Er dachte an etwas, aber er behielt es für sich. Er wusste, wie es sich anfühlte, wenn man etwas Falsches getan hatte. Wie die Scham einen schwer machte, schwerer als Schlamm. Und wie gut es sich anfühlte, wenn jemand trotzdem kam. Trotzdem half. Trotzdem blieb.
Ramses richtete sich auf und legte Luca kurz die Hand auf die Schulter — eine große, warme Hand, die stark war, aber sanft. Dann stand er auf, klopfte den Schlamm von seinem Mantel, und versuchte würdevoll auszusehen. Das klappte nicht besonders gut, weil er von oben bis unten aussah wie ein Matschkloß mit Helm.
Mira kicherte.
Ramses schaute an sich herunter. Dann musste er selbst grinsen. "Ich glaube... ich brauche ein Bad."
Klipp schnaufte einmal laut durch die Nase. Das war bei Klipp so viel wie ein schallendes Gelächter.
Luca lachte auch — und das Lachen tat gut. Es machte die Brust ein bisschen leichter.
Auf dem Weg zurück, hoch oben auf Klipps Rücken, sah Luca die Lichter des Ast-Dorfs schon von weitem. Warme, gelbe Lichter zwischen den Blättern. Wie kleine Sterne, die auf ihn warteten.
Klipp trug ihn sicher heim.
Und Luca schloss die Augen, noch bevor sie ankamen.
Schlaf gut, tapferer Luca.
Du bist jemand, der hinläuft, wenn jemand gebraucht wird.
Das ist das Allermutigste.
Gute Nacht.
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