Luca und Ratchetgear Prospector

Luca rannte, so schnell seine Beine ihn tragen konnten, durch das Silbergrasdickicht am Rand des Flüsternden Waldes — und Klipp donnerte hinter ihm her, dass die Erde zitterte wie eine Trommel. In Lucas Hand knisterte eine Karte. Keine gewöhnliche Karte. Sie war aus goldenem Baumrindenpapier gefaltet, und als Luca sie heute Morgen unter einem moosbedeckten Stein gefunden hatte, hatte sie ganz von alleine aufgeblättert. Drei Rätsel standen darauf, in leuchtend grüner Tinte geschrieben. Und ganz unten, wo ein Pfeil auf eine gezeichnete Höhle zeigte, stand ein einziges Wort: Freundschaftsgeheimnis. Klipp legte eine riesige Gorilla-Hand auf Lucas Schulter, und Luca spürte sofort: Auch Klipp war neugierig. Aufgeregt. Bereit. Die beiden verstanden einander ohne Worte — das war einfach so, wie zwei Herzen manchmal auf derselben Melodie schlagen. Das erste Rätsel auf der Karte lautete: „Ich habe tausend Zähne, beiße aber nie. Wer mich kennt, findet den Weg — wer mich fürchtet, bleibt stehen." Luca runzelte die Stirn. Er drehte die Karte hin und her. Er dachte an Zähne. An Kämme. An Sägen. Nichts passte. Dann — ein Knacken zwischen den Bäumen. Aus dem Schatten trat eine kleine, zierliche Gestalt: ein Gnomenmädchen mit einer dichten Wuschelmähne aus orangefarbenem Haar, einem Helm voller kleiner Werkzeuge und einer Lupe so groß wie ihr Gesicht. Ihre Stiefel waren erdfarbig und voller Kratzspuren, als hätte sie gestern noch in einem Felsen gegraben. „Ratterbart!", rief sie sich selbst zur Begrüßung — das war ihr Spitzname, den alle im Wald kannten, weil ihre Zahnräder-Gürtelschnalle immer ein kleines Rattern machte, wenn sie lief. Luca blieb stehen. Klipp hockte sich hin und betrachtete das Gnomenmädchen mit ruhigen, dunklen Augen. „Du hast eine Schatzkarte", sagte Ratterbart, und ihre Stimme klang wie ein aufgezogenes Uhrwerk — schnell, klar, ein bisschen scheppernd. Aber dann wurde sie leiser. „Ich... ich hab die auch mal gehabt. Vor langer Zeit. Ich hab das erste Rätsel nicht gelöst und die Karte zurückgelegt." Luca sah sie an. „Warum?" Ratterbart zupfte an ihrem Werkzeuggürtel. „Weil ich dachte, ich schaff das sowieso nicht alleine." Da war es — ganz kurz, kaum zu sehen — ein Zucken um ihre Mundwinkel. Nicht Trauer. Eher das Gefühl von etwas, das zu lange still gelegen hatte. Klipp streckte langsam eine Hand aus — nicht um anzufassen, nur um da zu sein. Ratterbart schaute auf die große Gorilla-Hand, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Tausend Zähne, beißen nie", murmelte Luca. Er schaute sich um. Gras. Langes, silbriges Gras, das sich im Wind bog wie... wie ein Kamm. „Ein Kamm? Nein. Warte." Er kniete sich hin und ließ seine Finger durch die Grashalme gleiten. „Ein Weg! Ein Weg durchs Gras! Die Halme sind die Zähne, und wer den Weg kennt — der findet ihn!" Ratterbart riss die Augen auf. „Das ist... richtig. Das ist absolut richtig." Sie schaute Luca an. Dann schaute sie auf die Karte. Dann wieder auf Luca. „Darf ich... darf ich mitkommen?" Luca grinste. „Klar." Der Weg durch das Silbergras führte sie zu einem alten Brunnen, der aus leuchtend blauen Steinen gemauert war. Am Brunnenrand lag das zweite Rätsel, auf einer kleinen Tafel eingeritzt: „Ich wachse, wenn du mich teilst. Ich schrumpfe, wenn du mich versteckst." Ratterbart kaute auf ihrer Unterlippe. Luca dachte nach. Klipp hob den Kopf und schnupperte in die Luft — und Luca spürte ein warmes Kribbeln in der Brust, als würde Klipp ihm einen sanften Stupser geben. „Etwas, das wächst, wenn man es teilt..." Luca flüsterte es fast. „Ein Geheimnis? Nein — Geheimnisse werden kleiner, wenn man sie teilt. Ein... ein Geheimnis, das gut ist. Oder..." Er sah Ratterbart an. „Eine Geschichte. Oder ein Freund!" Ratterbart quietschte vor Aufregung. „Freundschaft! Freundschaft wächst, wenn man sie teilt, und schrumpft, wenn man sie versteckt!" Dann hielt sie inne. Ganz still. Ihre Stimme wurde kleiner. „Ich hab meine lange versteckt. Ich dachte... ich bin zu laut. Zu komisch. Zu sehr Ratterbart." Luca schüttelte den Kopf. „Ich finde Ratterbart toll." Klipp nickte so tief und langsam, dass die Äste über ihm wackelten. Und Ratterbart lachte — ein echtes, klapperndes, klingendes Lachen wie eine Handvoll Münzen, die zu Boden fällt. Das dritte Rätsel wartete am Eingang einer kleinen Höhle, die mit schimmernden Glühwürmchen beleuchtet war, als hätte jemand den Sternenhimmel darin versteckt: „Das Größte, was du tragen kannst, hat kein Gewicht. Das Schwerste, was du loswirst, kostet keinen Schritt." Luca und Ratterbart standen nebeneinander und dachten. Klipp hockte hinter ihnen wie ein warmer Berg. „Kein Gewicht... kein Schritt..." Ratterbart sprach es leise vor sich hin. Dann — ihr Atem stockte. „Ein Geheimnis. Ein Geheimnis, das man mit sich trägt. Es hat kein Gewicht, aber es fühlt sich so schwer an. Und wenn man es endlich sagt... braucht man keinen Schritt dafür. Nur den Mut." Sie sah Luca an. Luca sah sie an. „Was ist dein Geheimnis?", fragte Luca leise. Ratterbart holte tief Luft. „Ich wollte schon immer einen Freund haben, mit dem ich auf Schatzsuche gehe. Aber ich hab nie gefragt. Weil ich Angst hatte, dass keiner ja sagt." Luca streckte die Hand aus. „Ich sage ja." In diesem Moment leuchteten die Glühwürmchen in der Höhle alle auf einmal heller, und tief drin, wo der Glanz am stärksten war, lag der Schatz: Kein Gold. Keine Edelsteine. Eine kleine Schatulle aus warmem Holz. Und darin, auf einem Kissen aus Moos, lagen zwei Freundschaftssteine — glatt, rund, einer für jeden — und ein Zettel, der nur drei Worte trug: Ihr habt es schon. Luca lachte. Ratterbart lachte. Klipp schlug sich vor Vergnügen gegen die Brust, dass es durch den ganzen Wald hallte und ein Schwarm kleiner Leuchtfalter erschrocken aufflog und wie ein flimmernder Regenbogen davonwirbelte. Auf dem Rückweg durch das Silbergras — Ratterbart auf der einen Seite, Klipp auf der anderen — hielt Luca seinen Freundschaftsstein fest in der Faust. Er fühlte sich rund an. Und warm. Und genau richtig. Dann stolperte Ratterbart über ihre eigenen Stiefel, landete weich im Gras und rief von unten: „Das war Absicht! Ich teste die Bodenbeschaffenheit!" Luca plumpste neben ihr ins Gras und schaute in den Abendhimmel, der jetzt in warmen Orangetönen leuchtete. Klipp legte sich einfach auch hin. Der Boden bebte ein bisschen. Und der Flüsternde Wald seufzte leise, zufrieden und voll mit dem besten Geheimnis, das es gibt. Schlaf gut, kleiner Held. Du weißt ja jetzt: Das Größte, was du tragen kannst, hat kein Gewicht. Und es wartet immer schon in dir.

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