Luca und Stonebreaker Griss

Luca drückte sich flach an die Höhlenwand und lauschte. Irgendwo tief unter ihm tropfte Wasser. Ping. Ping. Ping. Ein gleichmäßiges, leises Pochen — wie das Herz der Erde selbst. Er hatte den Eingang zu den Kristallhöhlen der Zwerge gefunden. Ganz allein. Na ja — fast allein. Otti, der kleine Otter, schmiegte sich an seine Seite, warm wie ein frischer Keks aus dem Ofen. Und dicht hinter ihm stand Wolfi, der Wolf, so ruhig und solide wie ein alter Baum. Die beiden sagten nichts. Sie brauchten keine Worte — Luca spürte ihre Wärme einfach in der Brust, so wie man die Sonne spürt, auch wenn man die Augen zumacht. Luca schluckte. Vor ihm gähnte ein dunkler Gang. Pechschwarz. Undurchdringlich. Kein einziger Schimmer. Er hatte sich so sehr auf diesen Tag gefreut. Überall in Landorya erzählten die Leute von den Kristallhöhlen: dass die Wände dort leuchten wie tausend Sterne, dass die Edelsteine in allen Farben des Regenbogens glitzern, dass man sich fühlt, als stünde man mitten in einem Traum. Und er, Luca, wollte sie mit eigenen Augen sehen. Aber jetzt, vor diesem schwarzen Schlund, zog sich sein Bauch zusammen. Was, wenn er stolperte? Was, wenn er sich verirrte? Was, wenn da drin etwas war, das er nicht kannte? Otti drückte seine kleine, feuchte Schnauze gegen Lucas Handfläche. Ein warmes Prickeln stieg in seiner Brust auf — kein Schrecken, sondern etwas anderes. Als würde jemand leise sagen: Ich weiß, dass du ein bisschen Angst hast. Das ist in Ordnung. Luca atmete tief durch. Er tastete nach seiner Gürteltasche. Darin lag sein Feuerstein — ein kleiner, glatter Stein, den er immer dabei hatte. Er schlug ihn zweimal aneinander, und ein winziger Funken sprang heraus. Nicht viel. Aber genug, um den ersten Schritt zu sehen. Und Luca machte ihn. Der Gang war eng und roch nach nassem Stein und etwas Süßlichem, das er nicht benennen konnte. Wolfi folgte dicht hinter ihm, sein Fell streifte Lucas Schulter — eine stille, feste Erinnerung: Du bist nicht allein. Schritt für Schritt tasteten sie sich vorwärts. Plötzlich — ein Geräusch. Kein Tropfen diesmal. Eher ein Scharren. Ein Stöhnen. Luca blieb stehen. Sein Herz klopfte schnell. Aber dann — da war wieder dieses Prickeln von Otti — und er zwang sich, weiterzugehen. Um die nächste Biegung erstrahlte ein schwaches, bläuliches Licht. Und darunter saß eine kleine, gedrungene Gestalt, die sich den Fuß hielt und leise vor sich hinschimpfte. Es war ein Zwerg. Klein und breit wie ein Fass, mit einem langen roten Bart, der in drei Zöpfe geflochten war, und einem Helm, der ihm halb über die Augen gerutscht war. In seiner Hand hielt er eine winzige Laterne — die einzige Lichtquelle weit und breit. „Autsch", brummte er. „Geht's dir gut?", fragte Luca. Der Zwerg ruckte herum und starrte ihn an. Dann kniff er die Augen zusammen. „Wer bist du? Was willst du hier? Das sind die Höhlen der Zwerge, kein Spielplatz für — für —" Er unterbrach sich und blinzelte. „Einen Jungen. Mit einem Otter. Und einem Wolf." „Luca", sagte Luca. „Und das sind Otti und Wolfi. Ich wollte die Kristalle sehen." Der Zwerg seufzte tief. „Grimsholm", sagte er knapp. „Und ich wollte den Großen Saphirkristall kartieren. Schon zum dritten Mal diese Woche. Aber dieser verflixte Felsen hat mir den Weg versperrt." Er deutete auf einen Steinbrocken, der mitten im Gang lag, so groß wie ein Schrank. „Ich bin drübergeklettert und dabei umgekippt. Jetzt kann ich nicht mehr richtig stehen." Luca betrachtete den Felsen. Er war wirklich riesig. Grimsholm war klein, aber kräftig — und trotzdem hatte er es nicht geschafft. Was sollte Luca da ausrichten? Er biss sich auf die Lippe. Dann schaute er sich den Felsen genauer an. Er kniete nieder und leuchtete mit dem Funken seines Feuersteins darunter. Und da sah er es: Der Brocken lag nicht flach. Er lag leicht schräg, auf einer kleinen Erhebung. Auf der rechten Seite war ein schmaler Spalt zwischen Stein und Boden. „Grimsholm", sagte Luca langsam. „Hast du einen Stock? Oder irgendetwas Langes?" Der Zwerg runzelte die Stirn, griff in seine Gürteltasche und zog einen stabilen Meißel heraus. „Den hab ich immer dabei. Wozu?" „Wenn wir ihn dort reinstecken —" Luca zeigte auf den Spalt — „und dann gemeinsam drücken, vielleicht kippt der Stein dann zur Seite." Grimsholm blinzelte. Dann blinzelte er nochmal. Dann stand er auf, humpelte heran und kniete neben Luca nieder. „Junger Mann", sagte er, „ich karte diese Höhlen seit zwanzig Jahren. Ich hätte das selbst sehen müssen." „Du hattest Schmerzen", sagte Luca einfach. Grimsholm brummte etwas Unverständliches, das sich ein bisschen nach Danke anhörte. Sie steckten den Meißel in den Spalt. Luca drückte von oben, Grimsholm schob von der Seite — und mit einem tiefen, dumpfen Grollen rollte der Stein beiseite. Der Gang öffnete sich. Und dann — dann stockte Luca der Atem. Die Kristallhöhle. Die Wände leuchteten in leuchtendem Blau, tiefem Violett, warmem Gold. Riesige Kristallsäulen ragten bis zur Decke, jede einzelne so groß wie ein Baum. Das Licht tanzte und brach sich, überall, in tausend kleine Funken — als hätte jemand alle Sterne des Himmels hier unten eingesperrt und gebeten, zu bleiben. Luca stand einfach da. Otti plätscherte neben ihm und ließ das Licht auf seinem Fell aufblitzen. Wolfi legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben, still und ehrfürchtig. Grimsholm stellte sich neben Luca. Sein Gesicht war weich geworden, das Schimpfen vergessen. „Schön, oder?", sagte er leise. „Das Schönste, was ich je gesehen habe", flüsterte Luca. Sie saßen eine Weile da, alle zusammen, und ließen das Licht über sich hinwegfließen. Als Luca schließlich wieder nach oben kletterte, den Abend schon rosa und golden über den Hügeln Landoryas, fühlten sich seine Hände seltsam an. Er schaute sie an. Eben hatten sie einen Stein bewegt, an dem ein erfahrener Zwergenkartograf gescheitert war. Nicht weil er stärker gewesen wäre. Sondern weil er genau hingeschaut hatte. Er rieb den Daumen über seinen Feuerstein. Wolfi stupste ihn sacht von der Seite an. Otti rollte sich schon halb schlafend an seiner Schulter zusammen. Und Luca lächelte. Dann — aus dem Höhleneingang — ein lautes Rumpeln. Grimsholm kam hinter ihm her gekraxelt, den Meißel in der Hand, und auf dem Kopf — den Helm. Immer noch schief. „He, Junge!", rief er. „Du hast deinen Feuerstein unten vergessen!" Er warf ihn hinüber. Luca fing ihn. „Danke!", rief er. „Kein Danke nötig!", rief Grimsholm zurück. Und nach einer kurzen Pause, fast zu leise: „Komm wieder. Die Höhlen haben noch viele Gänge." Luca steckte den Feuerstein in die Tasche. Dann machte er sich auf den Heimweg, Otti an seiner Seite, Wolfi dicht dahinter, und über ihm der weite, abendliche Himmel von Landorya. Schlaf gut, tapferer Luca. Dein Licht reicht immer weit genug für den nächsten Schritt. Und manchmal auch für jemand anderen.

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