Luca und Wilhelmina Stoneguard
Luca rannte, und die Kristallhöhle rannte mit ihm.
Jeder seiner Schritte schickte tausend kleine Lichtpunkte an die Wände — blau, grün, goldfarben, dann wieder rosa wie Himbeereis. Die Zwergenhöhle unter dem Glitzerberg war so tief und so weit, dass Luca seinen eigenen Atem hören konnte, wie er leise von den Wänden zurückkam. Otti, sein Otter, plumpste neben ihm durch die schmalen Gänge, sein nasses Fell schimmernd wie poliertes Holz. Und Wolwi — der kleine Mini-Wolf, kaum größer als Ottis Pfote — trottete ganz nah an Lucas Fersen, die Ohren gespitzt, die Schnauze neugierig in alle Richtungen.
Luca hatte die Geschichte gehört, von einem alten Zwerg am Eingang der Höhle: Irgendwo tief im Berg leuchtete ein Regenbogenkristall, größer als ein Tisch, schöner als alles, was man sich vorstellen konnte. Und alle im Zwergendorf — alle — durften sein Licht teilen. Bis etwas passiert war.
Bis der Kristall zerbrochen war.
Luca spürte, wie Otti kurz seine Hand stupste — ein weiches, warmes Stupsen, und irgendwie wusste er sofort: Otti wollte sagen, dass er das auch gespürt hatte, diese traurige Geschichte. Die beiden verstanden sich ohne Worte, Herz an Herz, wie ein leises Gefühl, das einfach da ist.
"Wir finden ihn", sagte Luca leise, und Wolwi wedelte einmal kurz mit dem winzigen Schwanz.
Der Gang wurde enger, dann dunkler. Luca musste sich ducken, die Hände an die raue Kristallwand gelegt. Hier glitzerte nichts mehr. Hier war alles grau und still und irgendwie traurig.
Und dann — da war sie.
Eine Zwergfrau saß auf dem Boden, die Knie angezogen, umgeben von Scherben. Scherben, die einmal etwas Gewaltiges gewesen waren. Jedes Stück strahlte noch ein kleines bisschen Licht, aber zusammen war es nur noch ein trauriges Flackern, wie eine Kerze kurz vor dem Ausgehen. Die Zwergfrau hatte weißes Haar, das in langen Zöpfen über ihre Schultern fiel, und ihre Hände lagen ganz still auf einem der Kristallstücke, als würde sie es festhalten, damit es nicht wegläuft.
"Hallo", sagte Luca.
Die Zwergfrau hob den Kopf. Ihre Augen waren hellgrau, wie Morgennebel. "Ein Menschenjunge", sagte sie leise, "in meiner Höhle."
"Ich bin Luca. Und das sind Otti und Wolwi." Er zeigte auf den Otter und den kleinen Wolf. "Wir haben gehört, dass der Kristall zerbrochen ist."
Die Zwergfrau nickte langsam. "Wir nennen ihn Funkelherz. Er war so groß wie drei Zwerge nebeneinander. Er hat das ganze Dorf beschienen — jeden Morgen, jeden Abend. Und jetzt..." Sie machte eine kleine Handbewegung zu den Scherben hin. "Er ist gefallen. Einfach so. Und kein Hammer und kein Zwergenzauber hat ihn wieder zusammengebracht. Er glaubt nicht mehr, dass er wichtig ist."
Luca runzelte die Stirn. "Kristalle können das glauben?"
"In Landorya", sagte die Zwergfrau — Luca nannte sie in Gedanken Steinblume, weil sie so still und fest war wie eine Blüte aus Stein — "kann alles, was lang genug geliebt wurde, auch fühlen."
Luca kniete sich hin. Er betrachtete die Scherben. Manche waren so groß wie sein Kopf, manche so klein wie ein Fingernagel. Alle leuchteten noch ein ganz kleines bisschen, jede in einer anderen Farbe — rot, violett, türkis, goldgelb. Zusammen hätten sie einen Regenbogen ergeben. Getrennt sahen sie nur verloren aus.
Otti setzte sich neben das größte Stück und legte vorsichtig eine Pfote darauf. Wolwi schnüffelte an einem kleinen türkisfarbenen Splitter und sah dann zu Luca hoch — und irgendwie, ohne dass Worte nötig gewesen wären, wusste Luca, was er tun sollte.
Er holte tief Luft.
Dann sprach er mit dem Kristall.
"Hey", sagte er. Ganz einfach. "Ich weiß, dass du gebrochen bist. Ich weiß, dass du denkst, du kannst nichts mehr. Aber ich hab deine Stücke gesehen. Jedes einzelne leuchtet noch. Jedes hat eine andere Farbe. Und weißt du was? Zusammen wärst du nicht einfach schön. Zusammen wärst du ein Regenbogen."
Die Höhle war ganz still.
Steinblume hielt den Atem an.
Und dann — ganz langsam, ganz leise — fing das größte Stück an zu summen. Ein tiefes, warmes Summen, wie wenn man die Hände um eine Tasse heißen Kakao legt. Die kleinen Splitter fingen an zu zittern. Luca sah, wie das rote Stück zu rutschen begann. Wie das violette aufstand, als hätte jemand es hochgezogen. Wie das goldgelbe durch die Luft glitt, ganz langsam, zu seinem Platz.
Eins nach dem anderen.
Stück für Stück.
Luca stand mitten drin und rührte sich nicht. Otti drückte sich warm an seine Seite. Wolwi saß auf Lucas Fuß — der kleine Wolf war manchmal so, er mochte Füße — und wartete.
Es dauerte so lange wie drei tiefe Atemzüge.
Dann war Funkelherz wieder ganz.
Er war riesig. Er war wunderschön. Er leuchtete in allen Farben des Regenbogens gleichzeitig, und das Licht brach sich an den Wänden und der Decke und dem Boden, bis die ganze Höhle war wie ein Fest. Steinblume presste beide Hände auf ihren Mund. Ihre Augen glänzten.
Und dann — das Licht lief weiter. Den Gang entlang, um die Ecken, hinaus aus der Höhle. Luca konnte es hören: weiter oben im Berg, im Zwergendorf, begannen die Dorfbewohner aufzurufen, zu lachen, zu staunen. Ein goldenes Licht fiel durch jeden Türspalt, durch jedes Fenster, auf jeden Tisch und jedes Gesicht.
Funkelherz hatte sein Licht mit allen geteilt.
Steinblume fasste Lucas Hand. Sie sagte nichts. Sie musste nichts sagen.
Luca lächelte.
Auf dem Weg nach draußen — durch die glitzernden Gänge, jetzt alle in Regenbogenfarben gebadet — stupste Otti Lucas Knie, und Luca wusste: gut gemacht. Wolwi versuchte, einen besonders schönen türkisfarbenen Lichtfleck auf dem Boden zu fangen, sprang drauf, und der Lichtfleck wanderte einfach weiter. Der kleine Wolf sprang noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.
Luca lachte so laut, dass es von den Kristallwänden zurückkam.
Und die Höhle lachte irgendwie mit.
Schlaf gut, Luca.
Du weißt jetzt, dass manchmal die richtigen Worte alles wieder zusammenbringen.
Und Wolwi jagt heute Nacht Lichtflecken in seinen Träumen.
Gute Nacht.
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