Yuna und Petra Stone-Weaver
Der Nebel lag so dicht über dem Moosmoor, dass Yuna kaum ihre eigene Hand vor dem Gesicht sehen konnte.
Aber sie lief trotzdem.
Ihre Schuhe platschten durch schlammige Pfützen, ihr silberbetrimtes Kleid wedelte links und rechts, und das Sternhaarclip an ihrer braunen Mähne blitzte wie ein kleines Leuchtfeuer durch die Dunstschleier. Irgendwo im Nebel klang ein Glöckchen — einmal, zweimal, dann wieder Stille.
*Yuna. Da vorne. Hörst du das?*
Bella saß auf ihrer Schulter, kaum größer als ein Schmetterling wirkte die kleine Katze in diesem riesigen Moor, und ihr Schnurren reiste direkt ins Ohr, ganz tief und warm.
„Ich höre es", flüsterte Yuna.
Sie hatte das Glöckchen zuerst beim großen Steintor am Rande Landoryas gehört, als sie gerade aus dem Silberwald herausgekommen war, um die berühmten Torflichter des Mooses zu bewundern — kleine Feuerfunken, die angeblich jede Nacht aus dem Boden stiegen und tanzten wie Sternschnuppen, die es nicht eilig hatten. Aber von den Torflichtern war nichts zu sehen. Stattdessen: Nebel, Nebel, mehr Nebel. Und dieses zage Glöckchen.
*Ich glaube, da braucht jemand Hilfe*, flüsterte Bella in ihrem Kopf. *Und ich glaube, du weißt das schon.*
Yuna nickte, zog die Kapuze ihres Mondpfad-Kleides fester und folgte dem Klang.
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Das Moor war seltsam still, nur das Gluckern von schwarzem Wasser unter dem Torf und das gelegentliche Zischen einer Feuerkröte begleiteten ihre Schritte. Dann, ganz plötzlich, tauchte aus dem Nebel ein riesiges Steinkarussell auf — nein, kein Karussell, sondern ein Steinring, so alt, dass Moos und Farn sich um jede Säule gerankt hatten wie grüne Umarmungen. Und in der Mitte des Ringes kniete eine Frau.
Sie war groß, mit breiten Schultern und Händen, die aussahen, als hätten sie schon hundert Winter Steine geformt. Überall um sie herum lagen Steinfragmente — Bruchstücke einer Skulptur, die einmal etwas Wunderschönes gewesen sein musste. Die Frau hielt ein kleines Glöckchen in der Faust, das sie immer wieder schüttelte, als würde sie damit jemanden rufen. Ihre Augen waren rot gerändert.
„Wer bist du?", fragte Yuna, ehe sie sich's versah.
Die Frau blickte auf. „Ich bin Felsherz", sagte sie mit einer Stimme wie knirschender Kies. „Steinbildhauerin. Und das hier…" — sie zeigte auf die Scherben um sich herum — „… war mein größtes Werk. Drei Jahre. Drei Jahre habe ich an dieser Figur gearbeitet. Heute Nacht, gerade als ich den letzten Stein setzen wollte, ist sie umgefallen."
Yuna schaute auf die Splitter. Darunter erkannte sie noch Formen: eine ausgestreckte Hand, ein Flügel, etwas, das wie ein lachendes Gesicht ausgesehen haben mochte.
„Oh", sagte Yuna leise.
Bella schnurrte sanft gegen ihre Wange. *Sie ist am Boden. Genau wie man sich manchmal fühlt, wenn man lange auf etwas wartet und es trotzdem nicht klappt.*
Felsherz schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal von vorne anfangen kann. Ich weiß nicht, ob es einen Sinn hat." Sie ließ das Glöckchen sinken. „Ich habe es geläutet, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte."
Yuna setzte sich einfach zu ihr auf den feuchten Moosboden. Die Kälte kroch durch ihr Kleid, aber das war ihr egal.
„Darf ich mir die Stücke ansehen?", fragte sie.
Felsherz zuckte die Schultern, fast wie: *Wozu noch?* Aber sie nickte.
Yuna begann, die Fragmente aufzuheben, eins nach dem anderen. Der Stein war schwerer als erwartet, tiefgrau mit silbernen Adern, die im Nebellicht schimmerten wie kleine Flüsse. Und dann — Yuna hielt inne.
„Felsherz. Schau mal."
Sie hielt ein Bruchstück hoch: die ausgestreckte Hand der zerbrochenen Figur, und darin, eingraviert, ein winziges Muster, das Yuna erst jetzt erkannte. Es waren keine Linien. Es waren Wörter — so klein, dass man sie nur sehen konnte, wenn man wirklich nah heranging.
*Ich war hier.*
Felsherz riss die Augen auf. „Das… das habe ich selbst eingraviert. Im ersten Jahr. Ich hatte es schon vergessen."
„Aber der Stein hat es nicht vergessen", sagte Yuna.
Stille.
Bella sprang von Yunas Schulter und schlich zwischen den Scherben umher, schnupperte an einem, tippte mit der Pfote an einen anderen. Dann, mit einem kleinen *Miau*, schob sie ein Bruchstück zu Felsherz' Knie — das größte, mit dem Flügel.
Felsherz starrte es lange an.
Dann hob sie es auf.
Dann hob sie ein zweites auf.
„Wenn ich die Figur wieder zusammensetze…", begann sie langsam, „… werde ich die Risse sehen. Immer."
„Ja", sagte Yuna.
„Aber die Risse zeigen, dass sie schon einmal gefallen ist. Und dass ich sie trotzdem wieder aufgebaut habe."
Yuna sagte nichts. Sie lächelte nur.
Gemeinsam begannen sie, die Stücke zu ordnen — Yuna hob die kleineren, Felsherz die schweren. Die Katze Bella tanzte zwischen ihnen hindurch und stupste manchmal ein Stück an die genau richtige Stelle, als hätte sie ein Geheimnis mit dem Moor geteilt. Und während sie arbeiteten, geschah etwas Merkwürdiges: Aus dem Boden stiegen die ersten Torflichter auf. Kleine, goldene Funken, die um den Steinring tanzten, als hätten sie gewartet.
„Da sind sie", flüsterte Yuna staunend.
„Sie kommen immer", sagte Felsherz, und in ihrer Stimme war zum ersten Mal etwas Weiches. „Man muss nur lang genug bleiben."
Als die Figur nicht mehr komplett war, aber zumindest wieder stand — mit sichtbaren Rissen, ja, aber aufrecht —, hob Felsherz das Glöckchen ein letztes Mal und schüttelte es. Diesmal klang es anders. Voller.
Yuna gähnte so herzhaft, dass Bella erschrocken von ihrer Schulter rutschte und sich mit einem empörten *Miau!* im Moos wiederfand.
„Entschuldigung", kicherte Yuna.
Bella putzte sich mit großer Würde und schaute demonstrativ in die andere Richtung.
Felsherz lachte — ein tiefes, rumpelndes Lachen wie Steine, die einen Hang hinunterrollen. „Geh schlafen, kleines Sternlicht. Du hast heute genug getragen."
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Auf dem Weg zurück durch das Moor, die Torflichter tanzten noch immer um sie herum, fragte Bella mit einem kleinen Gähnen in ihrem Kopf: *Weißt du, was ich gelernt habe?*
„Was denn?", murmelte Yuna, schon halb im Traumland.
*Dass Risse zeigen, wo man stark geworden ist.*
Yuna legte eine Hand auf ihr Herz.
Es fühlte sich warm an.
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Schlaf gut, kleines Sternlicht.
Du hast heute etwas getragen.
Und morgen, wenn du aufwachst, werden die Torflichter noch da sein —
und Bella auch.
Gute Nacht.
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