Der Sternwal des Nachtmeers
Eine Gute-Nacht-Geschichte aus Landorya
Hoch über Landorya, höher als der höchste Berg und weicher als die tiefste Wolke, gibt es einen Ort namens Leuchtender Schleier — ein großes dunkles Meer, das nicht aus Wasser besteht, sondern aus Nacht selbst. Und durch dieses Nachtmeer zieht, langsam und riesig und unendlich gütig, der Sternwal.
Der Sternwal ist größer als ein ganzes Dorf und älter als der Mond. Seine Haut ist tief-, tiefblau-schwarz, von der Nase bis zum Schwanz überall übersät mit winzigen Lichtpunkten, sodass er, wenn er durch die Dunkelheit schwimmt, aussieht wie ein großes Stück des Sternenhimmels, das still beschlossen hat, sich zu bewegen. Und jede einzelne Nacht, ohne es je auch nur einmal zu vergessen, macht er dieselbe sanfte Reise über die schlafende Welt, sammelt die Träume schlafender Kinder ein und trägt sie sicher bis zum Morgen.
Eines Nachts, als er tief und langsam über die Dächer einer kleinen Stadt glitt, hörte der Sternwal ein kleines Geräusch, das er zu dieser Stunde sonst nicht zu hören gewohnt war. Er hielt inne und blickte hinab, und dort — am offenen Fenster sitzend, das Kinn in die Hände gestützt — saß ein kleines Mädchen namens Ada, ganz und gar wach.
„Ich will nicht schlafen", erklärte Ada ihm ganz entschieden, „denn dann ist die ganze Nacht vorbei, und ich verpasse alles, und es ist schon Morgen, bevor ich überhaupt gemerkt habe, dass die Nacht da war."
Der Sternwal wurde langsamer, bis er in der Luft schwebte, und wandte ein riesiges, sanftes Auge dem Fenster zu. „Möchtest du dann kommen und die Nacht sehen?", grollte er mit einer Stimme wie das Meer, aus sehr, sehr großer Ferne gehört. „Nur für eine kleine Weile. Du hast mein Wort — ich bringe dich sicher nach Hause, bevor der Morgen kommt."
Adas Augen wurden ganz rund. Sie kletterte vorsichtig auf das Fensterbrett hinaus und auf den breiten, weichen Rücken des Sternwals, und sie ließ sich genau zwischen zwei seiner warm leuchtenden Lichter nieder und hielt sich fest. Und der Sternwal stieg langsam, ganz langsam, hinauf und hinauf ins Nachtmeer.
Unter ihnen lag ganz Landorya und schlief. Ada sah die Flüsse sich weit unten winden und glänzen wie silberne Bänder, die jemand über das dunkle Land fallengelassen hatte. Sie sah die großen Wälder im Schlaf sanft atmen. Sie sah die Berge still dastehen, den Kopf in den Wolken, und die kleinen goldenen Fenster der Häuser eines nach dem anderen erlöschen, während die allerletzten Kinder der Welt die Augen schlossen.
„Was trägst du da?", fragte Ada, denn der weite Rücken des Sternwals schien von sanften, treibenden Farben zu schimmern und zu glühen, wie von innen erleuchteter Nebel.
„Träume", sagte der Wal sanft. „Jedes schlafende Kind gibt mir einen, auf den ich die ganze Nacht achtgebe. Sieh dort — der kleine rosa dort gehört einem Jungen, der von seinem Geburtstag träumt. Der silberne ist ein Mädchen, das träumt, es könne fliegen. Der warme goldene ist ein Baby, das von nichts anderem träumt, als gehalten zu werden. Ich behüte jeden einzelnen von ihnen bis zur Morgendämmerung, und am Morgen gebe ich sie alle zurück, damit niemals, niemals ein guter Traum verlorengeht."
Der Sternwal schwamm weiter, langsam und stetig, und schaukelte dabei ganz sanft, wie eine Wiege, so weit wie der ganze Himmel. Das Schaukeln war sehr beruhigend. Die Lichter auf seinem Rücken leuchteten weich und warm unter Adas Händen. Und je länger Ada ritt und je mehr schlafende Städte unter ihr vorbeizogen, desto schwerer und schwerer wurden ihre Augen.
„Aber wenn ich jetzt einschlafe", sagte Ada mitten in einem riesigen Gähnen, „dann verpasse ich den Rest der Nacht ja doch."
„Nein", sagte der Sternwal sanft. „Hör zu, und ich verrate dir das Geheimnis. Wenn du einschläfst, gibst du mir einfach einen eigenen Traum zum Tragen, und ich behüte ihn so sicher wie alle anderen, und am Morgen hast du beides — die Nacht und den Traum und den ganzen hellen Morgen, der danach wartet. Du musst dich niemals zwischen ihnen entscheiden. Du verlierst die Nacht nicht, wenn du schläfst, meine Kleine. Du tauschst sie nur gegen etwas, das genauso wunderbar ist."
Ada lehnte sich zurück an die warme, leuchtende Wölbung des Walrückens. Das große Geschöpf drehte sich in einem langsamen, weiten, geduldigen Bogen und begann die sanfte Reise nach Hause. Und als Adas eigenes kleines Fenster unter ihr wieder in Sicht trieb, waren ihre Augen schon zugefallen — und ein weicher neuer Traum, das tiefe und liebliche Blau eines Nachtmeers, überall übersät mit Sternen, stieg von ihr auf und legte sich zwischen all die anderen zur Ruhe.
Der Sternwal ließ Ada ganz sanft zurück auf ihr Bett hinab und zog ihr die Decke mit der äußersten Spitze einer riesigen Flosse eng und warm zurecht und grollte die leiseste Gute-Nacht der ganzen Welt. „Schlaf jetzt, meine Kleine. Ich habe deinen Traum, und ich bewahre ihn bis zum Morgen. Das tue ich immer."
Und dann stieg er ein weiteres Mal in den Leuchtenden Schleier hinauf und zog weiter durch das Dunkel, langsam und riesig und gütig, und trug die Träume aller schlafenden Kinder von Landorya sicher und sanft heim bis zur Morgendämmerung.
Aus der Welt Landorya: The Luminous Veil