Die Perlentaucherin und die Flut
Eine Fünf-Minuten-Geschichte aus Landorya
Zwischen den Schimmernden Inseln, wo das Meer in der Sonne warm türkis und grün leuchtet und der Sand so weiß und fein ist wie Zucker, lebte eine junge Perlentaucherin namens Coralie. Sie war die schnellste Schwimmerin ihres ganzen Dorfes, und sie konnte unter Wasser den Atem länger anhalten als alle anderen, ob alt oder jung. Und mehr als alles andere auf der weiten Welt wollte Coralie hinabtauchen und eine vollkommene Perle finden, ganz für sich allein.
Also schwamm sie jeden einzelnen Tag hinaus über die Untiefen und tauchte tief hinab zu den Austernbänken auf dem Meeresboden, und sie suchte und suchte und suchte. Aber da war ein Problem — dasselbe Problem, jeden Tag. Immer wenn Coralie eine pralle, vielversprechende Auster erspähte, die im Sand lag, wurde sie so aufgeregt, dass sie sich mit beiden gierigen Händen geradewegs darauf stürzte, schnappte und griff. Und jedes einzelne Mal wirbelten diese schnellen, greifenden Hände große, sich drehende Sandwolken vom Meeresboden auf, bis das Wasser trüb und braun wurde und sie nicht mehr die Hand vor Augen sah. Und wenn der Sand sich wieder gesenkt und das Wasser sich geklärt hatte, hatte die Auster sie kommen gespürt und sich fest verschlossen wie eine abgeschlossene Truhe — und der Augenblick war verloren. Tag für Tag für Tag schwamm Coralie mit leeren Händen und einem ärgerlichen, enttäuschten Herzen ans Ufer zurück.
„Warum kann ich denn nie eine finden?", rief sie eines Abends und ließ sich verzweifelt in den weißen Sand fallen. „Das ist ungerecht! Ich bin die schnellste Schwimmerin und die stärkste, und ich strenge mich mehr an als irgendjemand im ganzen Dorf!"
Eine sanfte Stimme antwortete ihr und stieg leise aus dem Wasser ganz in der Nähe. „Vielleicht", sagte sie, „ist genau das das Problem." Coralie fuhr auf und setzte sich. Dort, halb aus den sanften Wellen aufgetaucht, war eine Meernymphe — eine Nereide — mit langem Haar wie treibender grüner Seetang und ruhigen Augen wie tiefes Meerglas. Sie hatte Coralie viele, viele Tage lang still beim Tauchen beobachtet.
„Du strengst dich zu sehr an, meine Kleine", sagte die Nereide, und sie war nicht unfreundlich. „Das ist das ganze Problem, genau da. Das Meer gibt seine Schätze nicht den schnellsten Händen her, auch nicht den stärksten, und nicht einmal denen, die sie am meisten wollen. Es gibt sie, immer, nur den ruhigsten. Hier — komm mit mir und sieh zu."
Die Nereide glitt unter die Oberfläche, und Coralie holte tief Luft und tauchte neben ihr hinab. Doch statt zu hetzen und sich zu stürzen und zu schnappen, wie Coralie es immer tat, bewegte sich die Nereide langsam durch das Wasser, so unendlich langsam. Sie glitt so sanft und weich zur Austernbank hinab wie ein einzelnes fallendes Blatt und wirbelte nicht auch nur ein einziges Sandkorn vom Meeresboden auf. Und als sie den Grund erreichte, griff sie nach gar nichts. Sie hielt einfach beide Hände offen und still und leer im klaren Wasser. Und sie wartete.
Und während Coralie im Wasser schwebte und zusah, begann etwas wahrhaft Wunderbares zu geschehen. Die Austern, ruhig und ungestört, begannen sich langsam, ganz langsam zu öffnen. Zuerst eine, dann noch eine, und dann mehr und mehr von ihnen, überall auf dem weiten Meeresboden, und jede öffnete ihre raue graue Schale und zeigte das weiche, glühende, perlmutterne Schimmern, das in ihrem Inneren verborgen lag. Weil keine greifenden, erschreckenden Hände auf sie zugewirbelt kamen, hatten die Austern nichts zu fürchten — und so öffneten sie sich, jede einzelne, ganz von selbst.
Die Nereide streckte die Hand durch das stille Wasser aus, langsam und geschmeidig und ruhig, und aus einer weit geöffneten Auster hob sie eine einzige makellose Perle, rund und sanft leuchtend und lieblicher als der Vollmond auf dem Wasser. Und sie drückte sie ganz behutsam in Coralies offene Hand.
„Siehst du es jetzt?", sagte die Nereide, während die beiden langsam zum Licht hinaufstiegen und gemeinsam die Oberfläche durchbrachen. „Wenn du nach der Welt greifst und schnappst, wirbelst du nur Wolken auf, die deine eigenen Augen blind machen, und alles, wonach du langst, verschließt sich vor dir. Aber wenn du geduldig bist und deine Hände offen hältst und das Meer in seiner eigenen guten Zeit zu dir kommen lässt — dann öffnet es sich und gibt dir weit mehr, als du je mit Gewalt hättest an dich reißen können."
Coralie blickte hinab auf die vollkommene Perle, die sanft in der Mitte ihrer Handfläche leuchtete, und endlich, tief in sich, verstand sie es wirklich.
Schon am nächsten Tag schwamm sie hinaus und tauchte wieder. Aber diesmal stürzte sie sich nicht darauf. Sie schnappte und griff nicht. Sie sank langsam und leise und ruhig durch das Wasser hinab, genau so, wie die Nereide es getan hatte, und sie hielt ihre beiden Hände offen, und sie wartete — geduldig und still und ohne Eile —, dass das Meer ihr vertraute.
Und überall auf dem Meeresboden öffneten sich die Austern, eine nach der anderen.
Von diesem Tag an war Coralie weit und breit als die beste Perlentaucherin aller Schimmernden Inseln bekannt — nicht, weil sie die Schnellste war, und nicht, weil sie die Stärkste war, sondern weil sie als Einzige das älteste und sanfteste Geheimnis des Ozeans gelernt hatte: dass die ganze weite Welt umso eher bereit ist, zu kommen und sich in deine Hände zu legen, je sanfter und offener du sie hältst.
Aus der Welt Landorya: The Shimmering Isles