Die Waldelfe, die die Stille sammelte
Eine Gute-Nacht-Geschichte aus Landorya
Tief in den Grünwald-Herzlanden, wo die ältesten Bäume sich aneinanderlehnten wie alte Freunde, die ein Geheimnis teilen, lebte ein junger Waldelf namens Fenchel. Fenchel war nicht größer als ein Fuchs, hatte blattgrüne Augen und so spitze Ohren, dass sie einen Käfer sich im Schlaf umdrehen hören konnten. Und Fenchel hatte ein sehr ungewöhnliches Hobby, auf das im ganzen Wald sonst niemand je gekommen war: Er sammelte Stille.
Jeden Abend, wenn der laute helle Tag zu verblassen begann und die Schatten lang und weich zwischen den Bäumen wurden, holte Fenchel sein kleines Glas hervor und ging durch den Wald, um die sanftesten Geräusche zu sammeln, die er finden konnte. Das war knifflige, geduldige Arbeit. Man kann kein leises Geräusch fangen, wenn man herumtrampelt und schnauft und pustet, also ging Fenchel auf den äußersten Zehenspitzen, und er hielt den Atem an, und er lauschte mit seinem ganzen Wesen — mit den Ohren und mit der Haut und mit dem stillen Raum hinter seinem Herzen.
Zuerst fing er das Rascheln des allerletzten Vogels, der sich für die Nacht auf seinen Ast setzte — ein kleines Sträuben der Federn, ein verschlafenes Piepsen, dann Stille. Er legte die Hände darum und steckte es behutsam ins Glas.
Dann fing er das leise Klicken einer Schnecke, die sich langsam, ganz langsam über einen Stein nach Hause zog. Er fing das papierne Flüstern eines einzigen Blattes, das seinen Zweig losließ und hinab-, hinab-, hinabschwebte, sich wieder und wieder drehte, bis es lautlos auf dem Waldboden zur Ruhe kam. Ab ins Glas mit ihnen, eines nach dem anderen.
Er fing das tiefe, schläfrige Summen des Flusses, der sich für die Nacht verlangsamte. Er fing das winzige Pling eines Tautropfens, der von einem Farn fiel. Und dann, ganz vorsichtig, fing er das seltenste Geräusch von allen — das Beinahe-Nichts-Geräusch von wachsendem Moos, welches das allerleiseste Geräusch der ganzen Welt ist, so leise, dass nur Waldelfen es hören können, und auch die nur, wenn sie ganz still und ganz geduldig sind. Zuletzt fing er das lange, langsame Seufzen des Abendwindes, als er sich zwischen die Farne legte, um zu ruhen.
Als der Mond rund und silbern über dem Grünwald aufging, war Fenchels kleines Glas voll — nicht mit Licht und nicht mit Wasser, sondern mit all den sanften, verschlafenen Geräuschen des Abends, die schwach im Glas schimmerten wie ein Schwarm winziger Glühwürmchen aus lauter Stille.
Vorsichtig trug er es nach Hause, in beiden Händen gewiegt, in sein kleines Haus in einer hohlen Wurzel, wo seine kleine Schwester Brombeere weit, weit wach in ihrer Wiege aus geflochtenem Gras lag, strampelte und sich wand und sich weigerte zu schlafen, wie kleine Wesen es manchmal tun.
„Ich kann nicht schlafen", quengelte Brombeere, und ihre Lippe zitterte. „Der Tag war zu laut, und jetzt ist mein Kopf auch zu laut. Alles summt und ist durcheinander und will einfach nicht still werden."
„Ich weiß", sagte Fenchel freundlich und kniete sich neben sie. „Genau deshalb war ich den ganzen Abend unterwegs. Ich habe dir etwas mitgebracht. Hör mal."
Und er öffnete das kleine Glas, nur einen Spalt, direkt neben ihrer Wiege.
Heraus schwebte das Rascheln des sich setzenden Vogels. Heraus schwebte das papierne Gleiten des fallenden Blattes und das kleine Klicken der Schnecke und das schläfrige Summen des langsamer werdenden Flusses und das winzige Pling des Tautropfens und das lange, sanfte Seufzen des Windes, der sich zwischen die Farne legte. Sie schwebten eines nach dem anderen heraus und wanden sich um Brombeeres Wiege wie eine Decke, die man hören statt fühlen konnte, jedes Geräusch leiser und langsamer als das vorige.
Brombeere hörte auf zu strampeln. Ihre Augen wurden schwer. Der laute, summende, durcheinandergeratene Tag in ihrem Kopf wurde still, und dann noch stiller, geglättet und warm eingehüllt in all die sanften Abendgeräusche, die Fenchel so weit gegangen war und so aufmerksam gelauscht hatte, um sie zu sammeln, nur für sie.
„Und das", flüsterte Fenchel, als das allerletzte und allerleiseste Geräusch aus dem Glas schlüpfte, „ist das wachsende Moos. Man kann es nur hören, wenn man fast, fast eingeschlafen ist."
Aber Brombeere antwortete nicht mehr. Sie atmete schon langsam und tief, die kleine Hand unter die Wange gelegt, davongetragen in den Schlaf auf den sanftesten Geräuschen des ganzen weiten Waldes.
Fenchel lächelte und stellte das Glas behutsam auf die Fensterbank, den Deckel nur ganz leicht geöffnet, sodass die ganze Nacht hindurch immer ein wenig Stille heraustropfen und den Raum füllen würde. Dann rollte er sich in seinem eigenen kuscheligen Bett aus Moos zusammen, lauschte dem allerletzten Rest des Abends, den er gesammelt hatte, und ließ sich ebenfalls davontragen.
Und falls du je feststellen solltest, dass du nicht schlafen kannst, lausche in einer stillen Nacht ganz, ganz genau. Irgendwo tief im Grünwald öffnet ein junger Waldelf ein kleines Glas und lässt die Stille über die schlafenden Bäume schweben — genug sanfte und zarte Geräusche, um die ganze müde Welt ins Bett zu bringen.
Aus der Welt Landorya: The Greenwood Heartlands