Kapitel 2
Asche auf dem Morgenwind
Der Morgen roch nach frischem Brot und Honig, als James die Augen aufschlug und sofort an seinen Schwur von letzter Nacht dachte. Er saß noch keine zwei Minuten am Frühstückstisch, da begann das erste sonderbare Ding zu geschehen.
Es fiel zunächst kaum auf: ein winziges graues Flöckchen, das durch das offene Küchenfenster hereinsegelte und sich lautlos auf die Butter setzte. Dann ein zweites. Dann ein drittes. James blinzelte. Die Luft, die eben noch nach Lindenblüten gerochen hatte, trug nun etwas Fremdartiges mit sich, etwas Bitteres, das sich auf die Zunge legte wie eine alte Erinnerung an ein ausgeblasenes Lagerfeuer.
„Asche", sagte Mary leise.
Sie streckte einen Finger in die Luft, ganz ruhig, so wie sie es tat, wenn sie die Windrichtung prüfte. Ihre Stirn legte sich in Falten. Dann neigte sie sich vor und schnupperte, fast zärtlich, an dem feinen grauen Staub, der sich nun wie ein hauchzarter Schleier über den Tisch verteilte.
„Das ist keine gewöhnliche Asche", murmelte sie. „Das riecht nach glösender Glut. Und nach Schwefel. Altem Schwefel."
Robert hörte auf zu kauen. Er und Mary tauschten keinen jener Blicke aus, die James so hasste. Diesmal sahen beide einfach nur zum Fenster hinaus, nachdenklich, still, als würden sie auf etwas warten, das sie noch nicht benennen konnten.
James wollte gerade fragen, was das zu bedeuten hatte, da durchschnitt ein Schrei die Morgenluft wie eine Klinge.
Er war scharf und hoch und hatte eine Qualität, die einem die Nackenhaare aufstellte, nicht aus Angst, sondern aus dem seltsamen Gefühl, dass etwas Uraltes gerade die Aufmerksamkeit verlangte. Alle drei stürzten ans Fenster. Hoch über den Dächern von Greenvale, die noch im weichen Goldlicht des frühen Morgens glänzten, zog ein Majestic Eagle seine Bahn. Er war riesig, braun und weiß, die Schwingen ausgebreitet wie zwei Arme, die die ganze Welt umarmen wollten. Er kreiste einmal. Zweimal. Ein drittes Mal.
Und schrie wieder.
Robert hatte bereits sein Notizbuch in der Hand, die Feder kratzte eifrig über das Papier. „Drei Kreise, Schrei zweimal wiederholt, Flugrichtung Nordnordost", murmelte er, während er schrieb. James beobachtete ihn mit zusammengekniffenen Augen. Immer das Notizbuch. Immer erst aufschreiben, dann denken.
Draußen auf der Dorfgasse hatten sich inzwischen ein Dutzend Menschen versammelt. James konnte ihre Stimmen hören, ein aufgeregtes Tuscheln, das anschwoll wie das Summen eines Bienenstocks. Er öffnete die Haustür einen Spalt.
„Ich hab's selbst gesehen", sagte die alte Frau Bramble von gegenüber, die Hände fest um ihren Schal geklammert. „Mitten in der Nacht. Oben an den Celestial Mountains. Ein rotes Glühen, ganz oben, als würde der Stein selbst brennen."
„Ich auch", bestätigte der junge Müller. „Zuerst dachte ich, ich träume."
James spürte, wie sich in seiner Brust etwas zusammenzog und gleichzeitig aufsprang, als wären dort zwei Federn auf einmal losgeschnellt. Ein Glühen in den Bergen. Asche im Morgenwind. Der Adler. Das war es. Das war der Beginn von etwas, er konnte es fast schmecken.
Er machte einen Schritt durch die Tür.
Dann noch einen.
„James." Roberts Stimme war ruhig, ohne Tadel, aber fest. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, schwer und warm. „Wir müssen erst die Lage einschätzen. Verstehen, was wir wissen, bevor wir losrennen."
James schüttelte die Hand ab. Schneller als er wollte, heftiger als er beabsichtigt hatte.
„Und während wir einschätzen", sagte er, ohne sich umzudrehen, „brennt der Berg weiter."
Er starrte hinauf zu den Celestial Mountains, deren Gipfel im Morgendunst verschwammen, und ballte die Hände zu Fäusten. Irgendwo dort oben wartete etwas. Und er, James Starwind, würde nicht wieder der Letzte sein, der es sah.