Chapter 9

Der Alleingang

Der Alleingang – scene

Der Alleingang

Die Uhr über Roberts Schlafsack zeigte zehn Minuten nach Mitternacht, als James das Zeltleinen beiseite schob und in die Nacht hinaustrat. Der Berg atmete schwer. Weit oben glühten die Felsränder orange wie die Glut in einem alten Ofen, und der Himmel über Greenvale war ein einziges warmes Schwelen. James zog den Riemen seines Rucksacks enger. Darin steckten seine Taschenlampe, ein Seil und der kurze Brecheisen-Ersatz, den er aus Roberts Werkzeugkiste genommen hatte.

Er sagte sich, dass er nur nachschauen würde. Nur kurz.

Der Weg zum verschütteten Felsvorsprung dauerte in der Dunkelheit länger als am Tag. Steine schimmerten im Mondlicht wie nasse Zähne, und der Schwefelgeruch hing so dicht in der Luft, dass James kleine Atemzüge nahm. Aber er hörte auch das andere: das leise Grollen aus der Tiefe, gleichmäßig wie ein schlafender Herzschlag. Das Elementarwesen. Mary hatte gesagt, es trauere. James hatte genickt, als hörte er wirklich zu. Doch in Wahrheit hatte er in diesem Moment schon aufgehört zuzuhören und angefangen zu rechnen.

Wer das Nest befreit, der rettet Greenvale. Wer Greenvale rettet, wird nicht vergessen.

Der Felsbrocken, der das Nest versperrte, war mächtig wie ein schlafendes Pferd. James leuchtete ihn mit der Taschenlampe ab, suchte nach Rissen, nach Stellen, die nachgeben könnten. Und er fand sie. Auf der linken Seite klaffte ein Spalt, breit genug für den Hebelarm. Er setzte das Brecheisen an, stemmte die Füße gegen den Fels darunter und drückte.

Nichts.

Er drückte erneut, diesmal mit dem ganzen Gewicht seines Körpers, die Zähne zusammengebissen, die Arme zitternd. Ein Knacken. Dann noch eines. Und dann, mit einem Geräusch wie ein Knöchel der ganzen Erde, verschob sich der Brocken. Nur wenige Zentimeter, aber sie genügten. Staub rieselte, kleine Steine kollerten den Hang hinunter, und James wich taumelnd zurück.

Er jubelte. Lautlos, mit geballten Fäusten, weil er den Jubel drinnen ließ, aber er jubelte.

Dann kam das Grollen.

Es war kein schlafendes Grollen mehr. Es war ein Aufschrei aus dem Inneren des Berges, roh und ungläubig, wie von jemandem, der im Schlaf getreten wird. Die Erde zitterte unter James' Sohlen, und bevor er auch nur ein Wort denken konnte, schossen Lavafontänen aus den Felsspalten rings um den Vorsprung, orangerot und brüllend heiß. Eine Welle aus glühender Asche rollte den Hang hinunter, träge und unwiderruflich, und die Luft schmeckte plötzlich nach Eisen und Feuer.

James stand da und starrte.

Er sah das Brecheisen noch in seiner Hand. Er sah den verschobenen Felsbrocken. Er sah, wie die Aschewelle Richtung Greenvale zog, und er spürte es in diesem Moment mit einer Klarheit, die sich anfühlte wie ein Sturz: Er hatte es nicht befreit. Er hatte es erschreckt. Er hatte in sein Nest gehämmert wie jemand, der gegen eine Tür tritt, die er öffnen will, und jetzt brannte alles.

Er hatte nicht zugehört.

Nur einen Herzschlag lang stand dieses Wissen ganz still in ihm, deutlich wie ein Wort auf weißem Papier. Dann schob er es beiseite.

Er rannte.

Den Hang hinunter, über Steine und trockenes Gras, bis er keuchend vor dem Zelt stand und Robert und Mary aus dem Schlaf rüttelte. Mary fuhr hoch, die Augen noch halb zu. Robert griff sofort nach seiner Jacke.

„Was ist passiert?", fragte Mary.

James holte Luft. Die Aschewelle leuchtete hinter ihm im Dunkel. Er öffnete den Mund, und was herauskam, klang beinahe ruhig.

„Das Wesen", sagte er. „Es hat einfach so angegriffen."