Chapter 6
Drei Prüfungen, drei Narben
Die Sonne stand schief über den Celestial Mountains, als wäre sie selbst ein wenig müde geworden, und das Licht, das auf die Lavafelder fiel, hatte die Farbe von altem Honig. James, Mary und Robert folgten dem Pfad hinunter in die Höhlen-Ebene, Sparky flatterte dicht über James' Schulter und summte leise, ein Geräusch wie ein schlafendes Feuer.
Bruder Ossians Worte steckten noch in der Luft: Lärm und Hast. James versuchte, nicht daran zu denken.
Die erste Prüfung kam ohne Vorwarnung.
Der Boden riss einfach auf. Eine Felsspalte, nicht breiter als zwei Armlängen, aber tief genug, dass man das Glühen darin spürte wie einen Ofen, der einem direkt ins Gesicht schaut. Die Ränder leuchteten orangefarben, fast wie Zuckerguss auf einem schrecklichen Kuchen. Mary kniete nieder und schaute den Rand entlang, mit zusammengekniffenen Augen.
„Wenn wir hier hinüberspringen," murmelte sie, „sollten wir dort drüben landen, wo der Stein dunkler ist. Der ist fester. Gebt mir kurz..."
Aber James hatte schon Anlauf genommen. Er sprang, die Arme weit, und landete mit einem dumpfen Platsch auf der anderen Seite. Er drehte sich um und grinste. „Kein Problem!"
Robert setzte zum Sprung an. Er sprang etwas zu weit links, dorthin, wo Mary ihn gerade nicht hinschicken wollte, und der Stein gab unter seinem rechten Fuß ein Knacken von sich. Er taumelte, griff nach Luft, und Mary riss ihn mit beiden Händen am Ärmel zurück, bevor er das Gleichgewicht ganz verlor. Beide landeten heil auf der drüben Seite, aber Robert war blass, und Mary sah James an, ohne etwas zu sagen. Das war manchmal schlimmer als Schimpfen.
James schaute auf seine Stiefel.
Das Aschefeld, das sie danach durchquerten, roch wie ein erloschener Kamin, und der Wind trug graue Flocken wie umgekehrten Schnee. Dann sahen sie ihn: einen Aschewirbel, der mitten auf dem Weg schlief. Er sah aus wie ein kleiner Tornado, aber er drehte sich nur träge, fast gemächlich, und sein Atem war ein leises Zischen.
„Wir warten," flüsterte Mary. „Bruder Ossian hat gesagt, diese Wirbel lösen sich auf, wenn man ihnen Zeit lässt."
James wartete. Eine Minute. Fast zwei. Der Wirbel drehte sich. James' Finger schlossen sich um einen Stein, der zwischen seinen Füßen lag. Er warf ihn, ehe er selbst richtig dachte.
Der Stein traf den Wirbel in der Mitte, und der Wirbel hörte auf zu schlafen.
Was dann folgte, war laut und heiß und sehr, sehr unangenehm. Der Aschewirbel bäumte sich auf wie ein gereizter Bär, wurde doppelt so groß, und jagte die drei einen staubigen Hang hinunter, der nach Schwefel roch. Sie purzelten, rutschten, hielten sich aneinander fest. Dann leuchtete Sparky auf. Nicht grell, sondern warm und gezielt, ein einziger Lichtblitz wie ein freundliches kleines Blitzgewitter, direkt in den Kern des Wirbels. Der Aschegeist hüllte sich beleidigt in sich selbst und verschwand.
Stille. Alle drei lagen im Staub und schnauften.
„Danke, Sparky," sagte Robert.
Sparky nickte mit dem Köpfchen und sah James dabei an. Nur kurz. Aber James hatte es bemerkt.
Die dritte Prüfung war die stillste.
Am Ende eines engen Lavaganges, wo die Decke so niedrig war, dass sie alle drei gebückt gehen mussten, leuchtete Mary mit ihrer kleinen Lampe auf eine Wand. Eingeritzt in den Stein, sauber und alt, standen Zeichen, die James noch nie gesehen hatte. Runde Kurven, ein paar gerade Striche, etwas, das wie ein Flamme aussah.
„Pyrakisch," sagte Mary leise. Sie bewegte die Lippen, las zweimal, dreimal. Dann sprach sie langsam: „Wer mit Feuer spricht, muss schweigen lernen."
James stand ganz still. Etwas in ihm schien kurz anzuhalten, wie ein Uhrwerk, das Luft holt. Er spürte, wie die Worte ihn ansahen, von innen.
Dann steckte er die Lampe höher, räusperte sich und sagte: „Na gut, interessant. Kommen wir weiter?" Er sagte es ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu laut für eine Höhle, in der man flüstern sollte.
Mary rollte die Zeichnung nicht zusammen. Sie ließ den Blick noch einen Moment auf der Wand ruhen. Sparky glühte sanft, orange und ruhig, und die Inschrift warf einen kleinen Schatten, der aussah wie eine Frage, die noch auf ihre Antwort wartete.