Chapter 8
Das Geheimnis des Herzsteins
Lira führte Mary tiefer in den Flüsterwald, fort von der Eishand und dem Hauch von Malachars trauriger Stimme. Pip saß still auf Marys Schulter und wärmte ihr Ohrläppchen mit seinem kleinen Atem. Die Bäume hier standen enger, ihre Wurzeln griffen ineinander wie die Finger alter Freunde. Das Licht hatte sich ins Blaue gezogen, jenes weiche, geheimnisvolle Blau, das nur in den letzten Minuten vor dem Abend erscheint, wenn der Tag und die Nacht sich kurz die Hand geben.
„Hier", flüsterte Lira und blieb vor einem Bogen aus gewachsenen Ästen stehen.
Hinter dem Bogen öffnete sich ein schmaler Pfad, dessen Boden mit silbrig schimmerndem Moos bedeckt war. An beiden Seiten standen Bäume mit auffallend glatter, heller Rinde, und in diese Rinde waren Bilder geritzt, so fein und sorgfältig, als hätte jemand sie mit einem Mondstrahl gezeichnet. Die Linien leuchteten ganz leise, ein kaum sichtbares Goldgelb, gerade hell genug, um sie in der Dämmerung zu lesen.
„Der Gedenkpfad der Sylvan Elves", sagte Lira leise. „Hier bewahren sie auf, was nicht vergessen werden darf."
Mary trat näher und ließ die Augen über die Bilder wandern. Sie zeigten eine Frau in einem wallenden Umhang, die einen kleinen leuchtenden Stein in beiden Händen hielt. Der Stein strahlte in konzentrischen Kreisen, und die Kreise wurden zu Bäumen, zu Flüssen, zu Vögeln. Alles Leben schien von diesem Stein auszugehen, warm und pulsend wie ein Herzschlag.
Dann änderte sich das Bild. Die Frau stand noch genauso, aber ihre Haltung war anders geworden. Die Schultern hochgezogen. Die Hände zitternd. Der Stein in ihrer Handfläche wurde kleiner in den Ritzungen, blasser, bis er kaum noch zu erkennen war. Und neben der Frau stand eine Gestalt aus Schatten, nicht bösartig, sondern groß und wartend. Malachar.
Im letzten Bild: kein Licht mehr. Der Stein dunkel. Die Frau mit gesenktem Kopf. Und Malachar, der sich in einer Spirale aus Linien auflöste, die aussahen wie Kälte selbst.
Mary schluckte. „Wer war sie?"
„Lies", sagte Lira sanft und zeigte auf eine Inschrift unterhalb der Bilder.
Die Schrift war alt, aber Mary konnte sie lesen, als ob sie sie schon immer gekannt hätte. Die Buchstaben formten einen Namen: Elara.
Elara. Ihr eigener Mittelname. Mary Mary Elara Voss. Ihre Großmutter hatte ihr diesen Namen gegeben und dabei gelächelt, ohne je zu erklären, warum.
Marys Magen zog sich zusammen. Nicht vor Angst. Vor Erkenntnis.
„Sie war meine Vorfahrin", sagte sie. Es war keine Frage.
Lira nickte. „Die Gabe des Lichtherzens wird in eurer Familie weitergegeben, von Generation zu Generation. Aber Elara hatte große Zweifel. In dem Moment, als Malachar den Herzstein am nötigsten brauchte, zog sie ihre Magie zurück. Sie dachte, sie sei nicht gut genug. Dass sie Schaden anrichten würde." Lira machte eine kurze Pause. „Und genau dadurch richtete sie Schaden an."
Mary starrte auf das letzte Bild. Die gebeugte Frau. Der erloschene Stein. Die Kälte, die danach alles füllte.
„Deshalb habe ich auf dich gewartet", sagte Lira, und ihre Stimme war warm wie Kerzenlicht. „Nicht weil du perfekt bist. Sondern weil du verstehen kannst, was Elara nicht konnte. Du trägst die Gabe, ja. Aber du trägst auch ihren Makel. Den Zweifel. Die Angst, zu viel zu sein oder nicht genug."
Mary dachte an all die Momente, in denen sie gezögert hatte. Wenn sie im Klassenraum die Antwort wusste und die Hand trotzdem unten ließ. Wenn sie jemandem helfen wollte und es dann doch nicht tat, weil sie sich fragte, ob sie sich täuschte. Sie erkannte die Frau im Bild, und das war das Erschütterndste an allem.
Pip drückte sich fester an ihre Wange.
Mary atmete langsam aus. Die Bestürzung saß noch in ihrer Brust, rund und schwer wie ein Stein. Aber darunter wuchs etwas Ruhigeres. Etwas, das sich anfühlte wie ein Entschluss.
„Wenn ich zurückweiche", sagte sie, „wird alles so bleiben. Malachar bleibt in der Kälte. Der Herzstein bleibt dunkel."
„Ja", sagte Lira schlicht.
Mary sah noch einmal auf das Bild von Elara. Sie schickte der Frau im Baum einen stillen Gedanken, nicht mit Vorwurf, sondern mit Verständnis. Dann richtete sie den Blick nach vorn, auf den Pfad, der sich zwischen den leuchtenden Bäumen in die blaue Dämmerung hineinschlängelte.
„Dann gehen wir weiter."