Chapter 7
Die Stimme aus dem Eis
Der Wald wurde stiller, bevor sie die Lichtung sahen. Nicht die gute, weiche Stille, die sich manchmal zwischen Bäume legt wie eine Decke. Es war eine andere Stille, die sich in die Ohren schlich und dort sitzen blieb, als hätte sie nie gehen wollen. Mary bemerkte es zuerst an ihren Füßen: Der Boden unter ihr war nicht mehr federnd und dunkel, sondern hart und blass, fast wie weißes Porzellan.
Pip blieb auf ihrer Schulter sitzen und drückte sich enger an ihr Ohr. Lira schritt neben ihr, die silberne Mähne ruhig, aber die Augen hellwach.
Dann traten sie aus den Bäumen heraus und Mary hielt den Atem an.
Die Lichtung war riesig. Aber kein Gras wuchs dort, kein Moos, keine einzige Blume. Die Bäume, die den Rand säumten, standen wie weiße Finger in den grauen Nachmittagshimmel, jeder Ast, jedes Blättchen zu Eis gefroren, so dass sie wie gläserne Skelette aussahen, die das Licht brachen und in tausend kleine Funken streuten. Es wäre beinahe schön gewesen, wenn es nicht so sehr nach Einsamkeit gerochen hätte.
In der Mitte der Lichtung ragte eine Eisformation aus dem Boden. Sie war gewaltig, größer als das älteste Haus in Marys Dorf, und sie hatte die Form einer gespreizten Hand, deren Finger sich in den Himmel streckten, als wollten sie nach etwas greifen oder etwas festhalten, was längst fort war.
Mary trat einen Schritt vor.
Da kam die Stimme.
Sie kam nicht aus einer Richtung. Sie kam aus dem Eis selbst, sickerte durch die Finger der Eishand, rollte über den gefrorenen Boden und legte sich um Marys Knöchel wie kaltes Wasser. Die Stimme war tief und rau, wie Steine, die sich aneinanderreiben, und doch war da etwas Vertrautes darin, ein Ton, der an alte Lieder erinnerte, die man halb vergessen hat.
„Kein Licht wächst, das nicht wieder erlischt", raunte die Stimme. „Ich bewahre alles. Alles bleibt. Alles bleibt bei mir."
Mary erwartete, dass sie Angst bekäme. Aber was sie spürte, war etwas anderes, etwas, das schwerer wog. Ihr Herz zog sich zusammen wie eine Faust, und hinter ihren Augen brannte ein Kribbeln, das sie kannte: das Kribbeln, das kommt, wenn man gleich weinen muss.
„Wer bist du?", flüsterte sie.
Das Eis knackte. Tief innen, wie ein Seufzen.
„Ich war der Wächter", sagte die Stimme, und diesmal klang sie anders, brüchiger, wie ein Riss in einer Fensterscheibe. „Der Herzstein der Celestial Mountains lag in meinen Händen. Ich habe ihn gehütet. Und als sein Licht erlosch, habe ich..." Eine lange Pause. „...ich habe vergessen, was ich war."
Lira trat neben Mary und senkte den Kopf. Ihre Stimme war ganz leise, nur für Marys Ohr.
„Er ist der Frost. Aber er war einmal Wärme."
Mary starrte auf die Eishand. Sie sah jetzt, was sie zuerst nicht gesehen hatte: Zwischen den Fingern, tief im Innern des Eises, leuchtete etwas. Nur ein Schimmer, kaum mehr als ein Atemzug Licht. Aber er war da.
„Er glaubt, Stille schützt", sagte Lira leise. „Er friert alles ein, damit nichts mehr verlorengehen kann. Damit nichts mehr schmerzt."
Pip piepste so sanft, dass es fast kein Geräusch war, und stupste Marys Wange.
Mary schluckte. Sie verstand das. Das Einfrieren. Das Sich-Schützen, das eigentlich nur Erstarren war. Hatte sie das nicht selbst getan, an der Eisbrücke, als ein Randstück gebrochen war und sie sich so sehr vor sich selbst gefürchtet hatte, dass sie gar nichts mehr hatte fühlen wollen?
Aber das Rehkitz hatte geatmet, als sie ihre Hände auf es gelegt hatte. Nicht weil sie sich geschützt hatte, sondern weil sie sich gezeigt hatte.
Sie richtete sich auf. Ihre Hände waren noch kalt vom Eis, aber irgendwo unter ihren Rippen sammelte sich etwas Warmes, noch klein, noch zitternd, aber vorhanden.
„Malachar", sagte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig und das war ihr egal. „Ich weiß, dass du traurig bist. Ich weiß noch nicht, wie ich dir helfen kann. Aber ich werde es herausfinden."
Das Eis antwortete nicht. Aber das Leuchten tief in der Eishand flackerte einmal, ganz kurz, wie ein Herzschlag.
Und Mary dachte: Das reicht. Für jetzt reicht das.