Chapter 6

Drei Prüfungen, drei Funken

Drei Prüfungen, drei Funken – scene

Kapitel 6 – Drei Prüfungen, drei Funken

Hinter Knorrs moosigem Rücken öffnete sich der Wald wie eine aufgeklappte Schatulle. Das Licht fiel schräger jetzt, goldener, wie frisch aus dem Ofen geholt. Pip hüpfte voraus und sang dabei ein Liedchen ohne erkennbare Melodie, seinen zerfledderten Kräuterkorb unter den Arm geklemmt. Mary folgte dicht hinter Lira, die Hände in den Ärmeln verborgen, die Gedanken noch immer bei den weggepusteten Blättern.

Dann sahen sie die erste Prüfung.

Eine Brücke aus reinem Eis spannte sich über einen schmalen Bach. Sie glänzte wie ein Spiegel, und man konnte darunter das dunkle Wasser glucksen hören. „Die Brücke ist zu glatt und zu spröde", sagte Lira ruhig. „Sie muss tauen, bevor wir sie betreten."

Mary schluckte. Sie stellte sich vor, wie das Licht in ihrer Brust saß, klein und warm wie eine Kerze hinter Glas. Dann schickte sie einen einzigen, vorsichtigen Impuls hinaus, nicht mehr als einen langen Atemzug wert.

Das Eis antwortete sofort. Ein leises Knacken, ein Zischen, und die Brücke begann von innen heraus zu schimmern. Das Wasser darunter kräuselte sich. Mary atmete aus.

Dann, mit einem trockenen Knall, brach ein Randstück der Brücke ab, und Pip, der genau in diesem Moment neugierig draufgetreten war, plumpste mit einem erschrockenen „Oiih!" ins Wasser. Er stand sofort wieder, das Wasser reichte ihm kaum bis zu den Knien, und schüttelte sich wie ein nasser Hund. Grüne Augen blinkzelten verblüfft.

Mary erstarrte. Ihr Herz zog sich zusammen wie eine Faust.

„Ich hätte ihn fast..." Weiter kam sie nicht.

Lira legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du hast die Brücke gerettet", sagte sie, und ihre Stimme war so sanft wie warmes Brot. „Und Pip ist nass, nicht verletzt. Das ist kein Versagen."

Pip grinste breit und wedelte zur Bestätigung mit dem triefenden Korb.

Mary atmete wieder.

Die zweite Prüfung wartete keine hundert Schritte weiter. Kristallene Eisranken hatten sich quer über den Pfad gezogen, fingerdick und dicht wie ein gefrorenes Spinnennetz. Sie klingelten leise im Wind.

„Hier musst du die Wärme dosieren", erklärte Lira. „Zu wenig, und die Ranken bleiben. Zu viel..."

Mary nickte zu schnell. Sie konzentrierte sich, aber die Ungeduld nagte an ihr wie ein Eichhörnchen am Zapfen. Sie gab einen Schub, einen richtigen Schub, groß und ungeduldig, und die Ranken reagierten sofort: Mit einem Knall wie zehn gleichzeitig berstende Kastanien explodierten sie in tausend Splitter. Mary stolperte rückwärts und saß auf dem Moos.

Für eine Sekunde herrschte Stille.

Dann kicherte Pip. Nicht gemein, sondern so herzlich und echte, dass Mary trotz allem ein Zucken um den Mund spürte. Er streckte ihr die kleine, noch immer feuchte Hand hin und zog sie hoch. „Du machst das laut", sagte er anerkennend.

Mary schnaubte leise, halb Lachen, halb Seufzen.

Den Pfad hatten die Ranken freigegeben. Das zählte.

Die dritte Prüfung fanden sie am Fuß einer großen Eibe, halb verborgen unter einer Eisschicht, die aussah wie gefrorener Morgentau. Ein Rehkitz lag darin, die Augen geschlossen, die kleinen Seiten reglos. Es war nicht tot, das spürte Mary sofort, aber es schlief den schweren, kalten Schlaf des Frosts.

Pip machte keinen Laut mehr. Lira trat zurück.

Mary kniete sich hin. Sie legte beide Hände behutsam auf das Fell des Kitzchens, so, wie man einen Schmetterling hält, ohne ihn zu drücken. Dann schloss sie die Augen.

Diesmal kein Schub, keine Ungeduld. Nur Atem. Langsam ein, langsam aus. Sie dachte an das Licht in ihrer Brust, ließ es fließen wie warmes Wasser aus einem Krug, gleichmäßig, geduldig, ganz ruhig.

Unter ihren Handflächen begann sich etwas zu bewegen.

Ein Zittern. Ein winziger Atemzug. Dann hob sich die kleine Seite des Kitzchens, und ein zweiter folgte, und ein dritter, und die Augen öffneten sich, groß und dunkel und lebendig.

Mary merkte erst, dass sie weinte, als sie die Wärme auf ihren Wangen spürte. Sie wischte sich das Gesicht nicht ab. Es fühlte sich nicht nach Traurigkeit an, sondern nach etwas, das endlich Platz hatte.

Pip legte lautlos seinen Arm um sie. Lira lächelte, und der Wald rauschte einmal, tief und warm, als würde er Beifall klatschen auf seine eigene, leise Art.