Chapter 11

Das stille Erlöschen

Das stille Erlöschen – scene

Die Nacht hatte alle Farben aus dem Flüsterwald gesaugt. Kein Mondschein fand seinen Weg durch das Blätterdach, kein Glühwürmchen wagte sich aus seinem Versteck. Nur der Herzstein in der Mitte der Lichtung schimmerte noch – aber es war kein freundliches Schimmern. Es war das kalte, bläuliche Gleißen von Eis, das sich in etwas Lebendiges gefressen hat.

Mary saß auf den Fersen und starrte auf Lira.

Das Einhorn hatte sich langsam, sehr langsam, auf die Knie gesenkt, als würde jemand an einem unsichtbaren Faden ziehen, der ihr die Kraft aus den Beinen nahm. Liras Horn, das Mary immer an frisch gefallenen Schnee erinnert hatte, der im Sonnenlicht aufleuchtet, war jetzt stumpf. Matt wie nasse Kreide. Kein Funken, kein Glimmen, nicht einmal ein schwaches Flackern.

Pip hockte auf Marys Schulter und weinte so leise, dass man es fast nicht hörte. Nur seine kleinen Hände, die sich in Marys Kragen krallten, verrieten es.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll", flüsterte er. „Ich weiß es einfach nicht."

Mary wusste es auch nicht. Sie streckte die Hände aus und hielt sie über Liras Mähne, die früher im Dunkeln von selbst geleuchtet hatte. Jetzt lag sie da wie Seide, der das Licht ausgewaschen worden war. Marys Handflächen zitterten. Sie spürte die Wärme in sich, das Summen, das immer dann begann, wenn sie zu singen bereit war. Es war noch da. Irgendwo tief in ihrer Brust, ein kleiner, glühender Kern.

Aber ihre Hände wollten nicht nach unten.

Dieselbe Angst wie immer. Dieselbe Stimme, die sagte: Was, wenn es nicht reicht? Was, wenn du es schlimmer machst? Was, wenn du genau das Falsche bist?

Die Kälte des Herzsteins hatte sich in den Boden gefressen. Mary konnte es durch ihre Schuhsohlen spüren, ein langsames, kriechiges Tauben. Ohne Marys Licht gab es nichts mehr, das Lira nährte. Nichts, das ihr half, diese Nacht zu überstehen.

Dann öffnete Lira die Augen noch einmal.

Sie waren jetzt grau, wo sie sonst das tiefe Violett des Abendhimmels hatten. Und doch lagen sie ganz ruhig auf Mary.

„Mary", sagte Lira. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Atemzug, ein Hauch, der gleich vom Schweigen des Waldes geschluckt werden würde.

Mary beugte sich vor.

„Du hast mir nie geschadet." Lira machte eine kleine Pause, als koste ihr jedes Wort etwas, das sie sich nicht mehr leisten konnte. „Aber deine Angst tut es gerade."

Mary erstarrte.

Es war nicht gemeint als Vorwurf. Liras Stimme trug keine Bitterkeit, kein Klagen. Es war einfach die Wahrheit, hingesagt mit der sanften Bestimmtheit von jemandem, der zu müde ist, um noch um den heißen Brei herumzureden.

Und genau deshalb traf es so tief.

Es war wie ein kalter Wasserstrahl mitten ins Gesicht, und für einen Moment konnte Mary nicht atmen. Sie dachte an den Brief ihrer Geschwister, an die beschlagenen Fensterscheiben in Greenvale, an Malachars Kälte und an das, was Lira vorhin gesagt hatte: Deine Angst und seine Angst sind das gleiche Eis.

Dasselbe Eis.

Lira schloss die Augen.

Ihre Flanken hoben und senkten sich noch, aber so flach, dass Mary zählen zu müssen glaubte, ob es wirklich noch weiterging.

Pip ließ Marys Kragen los. Er konnte nicht mehr. Er vergrub das Gesicht einfach an ihrem Hals und gab keinen Laut mehr von sich.

Mary blieb allein in der Dunkelheit.

Nicht allein wie jemand, den man vergessen hat. Allein wie jemand, der an einer Weggabelung steht und weiß, dass jetzt, in genau dieser Sekunde, alles von ihm abhängt, und der zum ersten Mal versteht, dass das keine Strafe ist.

Das war der Moment.

Der kleinste und der schwerste Moment, den Mary je erlebt hatte.

Und die Dunkelheit wartete.