Chapter 12
Das Lied, das in ihr wohnt
Kapitel 12: Das Lied, das in ihr wohnt
Die Dunkelheit war vollkommen still. Kein Wind bewegte die Äste des Flüsterwalds, kein Käuzchen rief. Nur Pips leises Schniefen war zu hören, irgendwo hinter Mary, und das schwache Atmen von Lira, die auf der Seite lag wie eine Wolke, der der Wind abhanden gekommen ist.
Mary kniete neben ihr. Ihre Hände zitterten. Noch immer hallten Liras Worte in ihr nach, weich und unerbittlich zugleich: „Deine Angst tut es gerade." Mary schluckte. Sie wollte nachdenken, wollte einen Plan fassen, wollte es richtig machen. Doch in diesem Moment – in diesem dunkelsten, stillsten Moment – fiel ihr etwas fort, das sie gar nicht gemerkt hatte zu tragen.
Sie hörte auf, an sich selbst zu denken.
Ganz langsam, so als würde sie ein schlafendes Kind umarmen, schob Mary beide Arme unter Liras Kopf und legte ihn in ihren Schoß. Das Horn, das sonst wie flüssiges Mondlicht aussah, war jetzt stumpf und blass. Aber das spielte in diesem Augenblick keine Rolle mehr. Dies war nicht die Stunde für Lehrmeisterinnen oder Prüfsteine oder Ziele. Dies war einfach Lira. Ihre Freundin, die nach Waldmoos und warmem Regen duftete und deren Mähne sich weich anfühlte wie das erste Gras im Frühling.
„Ich bin da", flüsterte Mary. Mehr nicht.
Und dann, ohne dass sie es entschieden hatte, ohne dass sie es geplant oder herbeigewünscht oder kontrolliert hatte, begann sie zu summen.
Es war kein richtiges Lied, nicht am Anfang. Nur ein einzelner, warmer Ton, der sich aus ihrer Brust herausschlich wie eine Katze, die sich ans Feuer legt. Mary merkte es kaum. Sie summte, weil Lira schwer war und die Nacht kalt, weil Pip weinte und weil sie einfach nicht wusste, was sonst zu tun war. Sie summte, wie ihre Großmutter früher gesummt hatte, wenn Mary krank gewesen war und sich die Decke bis ans Kinn gezogen hatte.
Dann spürte sie es.
Etwas Warmes. Nicht draußen, sondern drinnen, irgendwo hinter ihrem Brustbein, so tief, dass es sich anfühlte, als hätte es dort schon immer geleuchtet. Klein zuerst, wie eine einzelne Kerze. Dann breiter, ruhiger, stetig, wie ein Kaminfeuer, das nicht mehr angefacht werden muss, weil es endlich richtig brennt.
Das Licht stieg in ihre Schultern. Es lief durch ihre Arme. Und dann strömte es in ihre Hände, die Liras Mähne hielten.
Mary hielt nicht zurück.
Nicht weil sie mutig war. Nicht weil sie sich überwunden hatte. Sondern weil es gar kein Zurückhalten mehr gab. Das Licht floss einfach, so selbstverständlich wie Wasser bergab.
Es war nicht perfekt. Es flackerte. Es zitterte an den Rändern, mal heller, mal kaum sichtbar. Aber es floss. Es floss wirklich.
Lira atmete ein. Tief und langsam, als hätte sie lange Zeit vergessen, wie das geht. Ein kleines Zucken lief durch ihre Schultern. Die Mähne unter Marys Händen schimmerte, ganz schwach, wie ein Mondschein hinter dünnen Wolken.
Pip gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen Schluchzen und Staunen lag. Mary blickte kurz auf. Er stand da mit offenem Mund, die kleinen Hände vors Gesicht gehoben, als dürfte er nicht zu laut atmen aus Angst, den Moment zu zerbrechen.
Mary summte weiter.
Und während sie summte, während das Licht durch sie hindurchfloss wie ein Strom, der seinen Weg gefunden hat, verstand sie etwas. Nicht mit dem Kopf, sondern tiefer, in der Art, wie man versteht, dass die Sonne warm ist, ohne es jemandem erklären zu müssen.
Die Kraft hatte nie zerstört. Nicht wirklich. Es war die Angst gewesen, die sich dagegen gestemmt hatte, die gezogen und gezerrt und verkrampft hatte. Sie hatte nie die Kontrolle verlieren müssen. Sie hatte nur aufhören müssen, sie zu erzwingen.
Das Licht in ihrer Brust brannte ruhig und fest. Es kannte ihren Namen. Es hatte ihn immer gekannt.
Draußen über den Bäumen wurde der Himmel an einem einzigen winzigen Punkt ein klein wenig heller. Die Stunde vor dem Morgengrauen neigte sich ihrem Ende. Und Mary saß noch immer da, Liras Kopf im Schoß, und summte das Lied, das schon die ganze Zeit in ihr gewohnt hatte.