Chapter 13
Plan aus Herz und Horn
Plan aus Herz und Horn
Der Morgen tastete sich noch zögerlich durch die Bäume, als die ersten blassen Streifen Licht den Waldrand der Herzstein-Lichtung berührten. Der Tau hing schwer in den Farnwedeln, und irgendwo in den Ästen rief ein Rotkehlchen sein erstes, verschlafenes Lied in die Stille.
Lira stand.
Nicht mit der strahlenden Leichtigkeit, die Mary von ihr kannte, aber sie stand. Die Beine zitterten ein kleines bisschen, wie Birkenzweige im Wind, und ihr Horn leuchtete – ein sanftes, stetiges Glimmen, nicht heller als eine Laterne im Nebel, aber ruhig und beharrlich wie ein Herzschlag. Mary sah es und musste schlucken. Es war nicht das mächtige Leuchten von früher. Aber es hörte nicht auf. Es war da.
„Du stehst", sagte Mary leise.
„Ich stehe", bestätigte Lira, und ihre Stimme klang wie trockene Blätter, die langsam wieder Farbe annehmen.
Pip saß auf einem Wurzelbogen neben ihnen, den Kräuterkorb auf dem Schoß, und sah von einer zur anderen. Sein buschiger Schwanz zuckte, was bei Pip immer bedeutete, dass er nachdachte. „Dann reden wir jetzt", sagte er. „Denn der Tag wartet nicht, und Malachar schläft nicht lang."
Lira senkte ihren Kopf, sodass ihr Horn fast Marys Schulter streifte. „Der Herzstein heilt sich nicht von allein", begann sie. „Er ist tief gerissen, tiefer, als ein Licht es von außen erreichen kann. Der Riss geht bis in den Kern, und dorthin führt kein Weg – außer einem." Sie sah Mary an, ruhig und klar. „Stimme und Absicht. Das ist Sylvan-Magie. Keine rohe Kraft, kein Drücken und Stemmen. Du musst deinem Licht den Weg singen, Mary. Buchstäblich singen. Die Magie dieses Waldes hört nicht auf Muskeln. Sie hört auf das, was du meinst."
Mary runzelte die Stirn. „Singen?"
„Singen", wiederholte Lira. „Nicht schön, nicht laut, nicht perfekt. Wahr. Dein Licht folgt deiner Stimme wie ein Faden einer Nadel. Du führst es, Ton für Ton, bis in den innersten Riss hinein. Dann weißt du, was zu tun ist."
Mary dachte an die vergangene Nacht, an das Flackern und Zittern, das trotzdem geholfen hatte. Sie dachte daran, wie das Licht geflossen war, ohne dass sie es gezwungen hatte. Sie nickte langsam.
Pip räusperte sich. „Und da gibt es noch das kleine Problem namens Malachar." Er klopfte auf seinen Kräuterkorb. „Ich kümmere mich darum. Dieser Korb hier riecht nach Wiesenraute und Bärenknoblauch – für Malachar unwiderstehlich, der kauft das einem Händler aus der Westsenke immer ab. Ich laufe an der Nordseite der Lichtung entlang, rufe ein bisschen, klappere mit dem Korb, tue so, als hätte ich mich verlaufen. Das hält ihn beschäftigt." Er zwinkerte Mary zu. „Du brauchst nur ein paar Minuten. Die geb ich dir."
„Das ist riskant für dich", sagte Mary.
Pip zuckte die Schultern, aber sein Blick war warm und fest. „Riskant ist, nichts zu tun."
Stille legte sich kurz über die drei, weich wie der Morgendunst zwischen den Stämmen.
Dann stand Mary auf. Sie schloss die Augen, summte einen einzigen langen Ton – keinen besonderen, nur den, der von selbst kommen wollte. Und das Licht antwortete. Es wuchs in ihrer Brust auf, strömte durch ihre Arme bis in die Fingerspitzen und folgte dem Ton wie ein goldener Faden, der sich durch die Luft zog, geduldig und lebendig.
Mary öffnete die Augen.
Lira lächelte, so gut ein Einhorn lächeln kann. Pip atmete aus, als hätte er es die ganze Zeit angehalten.
„Ich bin bereit", sagte Mary.