Chapter 9
Thornes goldenes Licht
Thornes goldenes Licht
Der Wind heulte noch, aber er heulte anders. Nicht mehr ganz so böse. Wie ein Hund, der langsam müde wird.
Robert drückte seine Wange gegen den nassen Fels und wartete. Seine Finger waren so taub, dass er sie kaum noch spürte. Nur das Zittern spürte er, das durch seine ganzen Arme lief, bis in die Schultern, bis in die Knie.
Dann kam Thorne.
Er kam nicht leise und er kam nicht zögerlich. Er breitete seine goldenen Adlerflügel aus, so breit wie der Himmel über der Klippe, und schlug sich Schlag für Schlag durch den Sturm, genau hinauf bis auf Roberts Höhe. So nah, dass Robert die warme Luft unter seinen Federn auf der Wange spürte. Eine weiche, lebendige Wärme, wie eine Hand, die sich auf die Schulter legt.
Thorne sagte kein Wort. Er musste keins sagen. Seine Augen, bernsteingelb und ruhig, sagten alles: Ich bin hier. Ich gehe nicht weg.
Robert schluckte.
Dann hörte er eine Stimme von unten. Eine Stimme, die er sehr gut kannte.
„Robert! Wir sind da! Sag uns, was wir tun sollen!"
Mary. Ihre Stimme klang scharf und klar, wie ein Licht, das durch Nebel schneidet.
Und dann noch eine Stimme, kleiner, aber genauso laut.
„Ich hab Angst, aber ich geh nicht weg!"
James.
Robert schloss kurz die Augen. Er sah James vor sich, wie er heute Morgen geweint hatte. Er sah die Tür, die er leise zugezogen hatte, damit ihn niemand aufhält. Er hatte doch nur helfen wollen. Ganz allein. Weil er dachte, das wäre das Tapferste.
Aber jetzt, hier oben, mit tauben Fingern und zitternden Knien, verstand er etwas, das sich wie ein warmer Stein in seiner Brust anfühlte: Allein sein ist nicht dasselbe wie stark sein.
Er öffnete den Mund. Die Luft schmeckte nach Regen und Salz.
„Ich brauche Hilfe!", rief Robert. Laut. Zum ersten Mal in seinem Leben.
Und es war das Mutigste, was er je gesagt hatte.