Der kleine Bär und die Mondblüte

Eine Gute-Nacht-Geschichte aus Landorya

Illustration zur Geschichte „Der kleine Bär und die Mondblüte"

Ganz am Rand des Mondblütenhains, in einer gemütlichen Höhle, ausgelegt mit trockenem Laub und weichem warmem Moos, lebte ein kleiner Bär namens Bramwell. Bramwell liebte fast alles am Bärsein. Er liebte es, seine Pfote in wilden Honig zu tunken. Er liebte dicke schwarze Brombeeren, die seine Nase violett färbten. Er liebte es, im flachen Bach zu planschen und Steine umzudrehen, um zu sehen, was darunter zappelte. Er liebte die langen warmen Tage, an denen er unter den großen grünen Bäumen tollte und spielte. Doch eine Sache liebte Bramwell überhaupt nicht — kein bisschen —, und das war die Dunkelheit.

Jede einzelne Nacht, wenn seine Mutter ihn in der Höhle zudeckte und das allerletzte Tageslicht zwischen den Bäumen verschwand, wurde Bramwells Bauch eng und klein und ängstlich. „Es ist zu dunkel", wimmerte er dann und zog sich das Moos über die Nase. „Ich kann überhaupt nichts sehen. Was, wenn die ganze Welt verschwunden ist, während ich nicht hingeschaut habe, und da draußen nichts mehr übrig ist als das Dunkel?"

Seine Mutter, eine große warme Bärin mit langsamer, sanfter Stimme, dachte lange, lange darüber nach. Und in dieser besonderen Nacht deckte sie ihn nicht gleich zum Schlafen zu, sondern stupste ihn sanft mit der Nase an. „Komm mit, mein Kleiner", sagte sie. „Steh auf. Hier draußen wächst etwas, das ich dir gern zeigen möchte."

Also kletterte Bramwell aus der Höhle, hielt sich fest an der Seite seiner Mutter, und gemeinsam tapsten sie hinaus in den Hain. Der Mondblütenhain war still und tiefblau im Abend, ringsum ganz leise, und über den Baumwipfeln stachen gerade die ersten Sterne durch den Himmel. Und dort, ganz allein in einer kleinen Mulde in der kühlen Erde, wuchs eine einzige Blume.

Sie war nicht wie irgendeine andere Blume, die Bramwell je gesehen hatte. Ihre Blütenblätter waren blass und rund und glatt, und sie gaben ein sanftes, gleichmäßiges Leuchten von sich — ein zartes silbernes Licht, warm und ruhig, genau so, als wäre ein winziges Stück des Mondes selbst herabgeschwebt, hätte Wurzeln geschlagen und beschlossen, genau dort im Dunkeln zu erblühen.

„Das", sagte Bramwells Mutter sanft, „ist eine Mondblüte. Sie blüht immer nur nachts. Den ganzen hellen Tag über schläft sie, fest zusammengefaltet und dunkel und matt. Aber wenn die Dunkelheit kommt — genau in dem Augenblick, in dem die Dunkelheit hereinkriecht — öffnet sie sich und leuchtet. Siehst du, mein Kleiner? Die Mondblüte fürchtet sich nicht vor der Dunkelheit. Die Mondblüte braucht die Dunkelheit. Ohne das Dunkel rings um sie herum könnte sie niemals, niemals leuchten."

Bramwell schlich ein wenig näher und betrachtete die kleine leuchtende Blume lange. Sie hatte nicht das geringste bisschen Angst. Sie stand einfach da, ruhig und hell, mitten in all der Dunkelheit, und leuchtete mit ihrem kleinen gleichmäßigen Licht für niemanden als sich selbst und die stille Nacht.

„Darf ich ... darf ich eine haben?", flüsterte er.

Seine Mutter lächelte und pflückte ganz behutsam eine einzige Mondblüte, trug sie vorsichtig zurück in die Höhle und setzte sie in eine kleine Mulde in der Erde, direkt neben Bramwells Laublager. Und dort leuchtete sie weiter, weich und silbern und gleichmäßig, und erfüllte die ganze kuschelige Höhle mit dem sanftesten, freundlichsten Licht.

Bramwell legte sich daneben und schaute sie lange an. Und langsam fühlte sich die Dunkelheit nicht mehr so groß und so leer an. Direkt neben ihm war ein kleines, tapferes Licht, das vor gar nichts Angst hatte — ein Licht, das nur herausgekommen war, weil das Dunkel gekommen war, ein Licht, das die ganze Nacht lang weiterleuchten würde, nur für ihn.

„Jetzt ist es nicht mehr gruselig", sagte Bramwell ganz überrascht. „Das Dunkel ist gar nicht gruselig, wenn ein kleines Licht darin ist."

„Das ist das Geheimnis, mein Schatz", sagte seine Mutter und legte ihren großen warmen Körper ganz um ihn herum, wie eine Mauer gegen die Welt. „Du musst niemals die ganze Dunkelheit verjagen. Das könntest du niemals — das könnte niemand, in ganz Landorya nicht. Du brauchst immer nur ein einziges kleines Licht, um dich sicher zu fühlen. Und es gibt immer irgendwo in der Nähe ein kleines Licht, wenn du nur weißt, wo du danach suchen musst. Eine Mondblüte im Hain. Einen einzelnen Stern am Himmel. Oder das warme, langsame Leuchten von jemandem, der dich liebt und sich direkt neben dir im Dunkeln zusammenrollt."

Bramwell gähnte, tief und langsam, und kuschelte seine Nase in das warme Fell seiner Mutter. Die Mondblüte leuchtete weiter in ihrer kleinen Mulde, treu und ruhig und geduldig, und hielt ihre sanfte silberne Wache über die beiden.

„Gute Nacht, kleines Licht", murmelte Bramwell. Und die Mondblüte schien einen Hauch heller zu leuchten, nur für einen Augenblick, genau so, als würde sie ihm Gute Nacht zurücksagen.

Und die ganze lange Nacht hindurch, während der kleine Bär sicher und warm und geborgen schlief, leuchtete die Mondblüte weiter — sie verjagte das Dunkel nicht, sondern leistete ihm sanfte Gesellschaft mitten darin —, bis endlich der Morgen über die Baumwipfel zurückkroch und es Zeit für die kleine Blume war, ihre blassen Blütenblätter zusammenzufalten und zu schlafen, ihr langes Nachtwerk glücklich und treu getan.

Aus der Welt Landorya: Moonpetal Grove

Mach dein Kind zum Helden seiner eigenen Geschichte

✨ Geschichte erstellen